Winterglück
Jetzt ist wieder die Zeit der roten und kalten Nasen und vorgestern war es richtig kalt. Oft denke ich zurück an jene Tage und Nächte in Winterlandschaften voller Schönheit. Ich sass oft am Fenster und wartete auf die ersten Schneeflocken. Ich bemerkte es immer vorher, dass es bald schneien würde, denn die Luft hatte sich verändert. Sie war klarer und hatte einen anderen Duft. Ich roch förmlich den Schnee und voller Ungeduld wartete ich selbst abends auf das Weiss.
Und dann war es auch so weit. Es schneite... Ich schaute gegen die Laternen und konnte die Grösse der Flocken sehen und wie stark es schneite oder ob Wind wehte. Manchmal zog ich mir nur schnell etwas über und rannte voller Freude und Glück hinaus, liess mir die Schneeflocken ins Gesicht fallen und schmeckte ein paar, indem ich sie von meinen Lippen ableckte. Jener Tag des ersten Schnees war immer ein besonderer Tag für mich. An den Fenstern hatten sich Eisblumen gebildet. Jede so schön, jede ein kleines Meisterwerk der Natur. Nur manchmal hauchte ich meinen warmen Atem an sie. Jede Schneeflocke hat eine andere Form, keine gleicht der anderen, wenn sie niederfallen.( Heute weiss ich, dass es Bentley war, der ungefähr 5000 Schneeflocken untersuchte und dass keine der anderen gleich war.Und ich weiss, dass es drei Sorten von Schneeflocken geben kann, sechseckige Plättchen, prismenförmige Stäbchen und die Dendriten, dass sind die Sternchen. Und es gibt noch Mischformen.Ausserdem sind bis heute insgesamt seit Anbeginn der Zeiten circa eine Sextillion Schneeflocken auf die Erde gefallen. Nach Schätzungen.
Jedenfalls hat man bis heute noch keine zwei gleichen Schneeflocken entdecken können.Interessant, nicht?)
Später, wenn es zwischendurch etwas wärmer wurde und die oberste Schicht der Schneedecke schmolz, hatten sich irgendwo an Häusern oder Zäunen schon Eiszapfen gebildet, die ich mit Begeisterung betrachtete. Tropfen für Tropfen flossen an ihnen ab und landeten in kleinen geschmolzenen Kuhlen im Schnee. Oftmals schien die Wintersonne und alles glitzerte. Der Schnee, das Eis, alles berührte mich, gab mir Liebe. Manchmal versank ich regelrecht im Schnee, manchmal liess ich mich fallen, lag für kurze Zeit da und machte verschiedene Abdrücke hinein.
Ich lief über Felder und zugeschneite Wiesen, lief durch den Wald und besuchte meinen Lieblingsteich. Auf den Feldern fand ich meistens Spuren von Hasen, manchmal Füchsen und auch von verschiedenen Vögeln. Ich hörte wie die Krähen durch die Stille eilten mit ihren Rufen. Manchmal sah ich an Bäumen noch gefrorene Äpfel hängen. Sie sahen so unbeholfen aus und waren doch auch ein besonderer Anblick.
Oftmals fuhr ich mit meinen Skiern durch die Landschaft. Wie dankbar war ich immer. Ich genoss diese Stille, diese Ruhe. Ich zog sie ein in mich. Ich liebte es allein unterwegs zu sein, zu erkunden, zu suchen und frei zu sein. Den Wind, der über das Feld, meinen Weg, zog, zu hören. Seinen Klang und sein Lied. Und oft genug, wenn es gerade schneite, wehte der Wind mir die Kälte erst richtig ins Gesicht. Meine Handschuhe waren vom Schnee nass und durchgeweicht und mit der Zeit gefroren sie an meinen Fingern, was auch etwas schmerzen konnte. Ich zog sie aus und hauchte in meine hohlen Hände hinein, um mich aufzuwärmen. Aber all dies war kein Grund umzukehren. An den Schuhen hatten sich regelrechte Eisklümpchen gebildet, die abends im warmem Zimmer erst anfingen zu schmelzen und das Zeitungspapier saugte diese Nässe auf.
Auf meinem Lieblingsteich war eine geschlossene Eisdecke. Wenn ich mit meinen Füssen auf das Eis trat oder hüpfte, war ich mir immer bewusst darüber, dass die Eisdecke auch dick genug war. Ich sah es auch an offenen Stellen, an denen der Schnee schmolz, oder an den Luftblasen im Eis. Daran orientierte ich mich meist.
Nur am Schilf war oftmals noch etwas frei, so das man davon lieber Abstand hielte. Die alte Weide am Teich war in Winterruhe und an ihrem Stamm hatte sich von einer Seite eine weisse Schneeschicht angesammelt. Alt und bedächtig stand der Baum da und bot selbst im Winter ein Bild voller Harmonie und Kraft. Wie liebte ich sie, diese Weide. Und wie liebte ich es, wenn es dem Frühling nahe ging und die ersten Grashalme unter der weissen Decke hervorschauten. Alle Bäume sehen nur für einen oberflächlichen Betrachter im Winter unschön aus. Für jemanden, der tiefer sieht, ist ein Baum im Winter ohne Blätter genauso schön, wie im Sommer.
Im Winter steht ein Baum oft wie ein Kunstwerk da, wie ein Wintergemälde, wenn die Abendsonne hinter ihm langsam versinkt.
Lief ich durch den Wald erwarteten mich viele Neuigkeiten und schöne Anblicke.
Die Tannen dufteten selbst in der Kälte und trugen die Last des Schnees. Manchmal allerdings war es zuviel, was sich gesammelt hatte und mit einem kurzem Ruck rutschte die Schicht vom Zweig hinab. Dieses Geräusch liegt tief in meinem Herzen. Ich liebe es noch heute.
Durch den gefallenen Schnee bildeten sich noch einmal richtige Schneegemälde auf dem Winterboden.
Noch heute, wenn ich durch den Wald laufe, versinke ich ganz in ihm, gebe mich der Stille und Weisheit hin, die die Natur mir zeigt. Noch immer empfinde ich Dankbarkeit und Glück, wenn ich in der Natur bin, ganz gleich ob am Meer oder im Wald. Es ist eine Liebe fürs Leben.
2002