Wenn Fische ersticken...
Wolkenkämme schieben sich über das blau -grüne Meer. Mit müden Augen schaut sie hinauf und dann hinüber übers Meer. Dicke Seufzer lassen ihren Körper innerlich erbeben. Was ist nur los? Hat denn nichts mehr einen Wert? Ist denn alles nur noch Schnelllebigkeit?
Ist nichts mehr wert, keine Freundschaft, keine Liebe, noch nicht einmal ein Wort? Warum wechseln wir denn Worte? Um uns eine schöne Welt zu malen, die nachher zusammenbricht, wie ein Kartenhaus? Anderes hatte sie von ihm gedacht. Das er erwachsener wäre. Zu seinen Worten steht und sie nicht einfach in Ungewissheit zurücklässt. Nur ein Wort, ein Anruf hätte genügt, damit sie sich keine Sorgen machte, damit sie wüsste woran sie war. Und plötzlich- von heute auf morgen war sie gestrichen aus seinem Leben.
So aber stand sie am Bahnhof und wartete vergeblich auf seine Rückkehr vom Urlaub aus dem Süden. Er hatte sie einfach versetzt.
"Liebeskummer... Liebeskummer. Mein Gott ausgerechnet ich? So ein Blödsinn!"
Melissa wirft einen Stein ins Wasser. Mit Wucht und mit einer gewissen Wut. Wut über sich, das Leben und über diesen blöden Herzschmerz. Aber noch mehr, weil sie an ihn geglaubt hatte, ihn vertraut hatte.
Sie zappelte an der Angel. Und sie verabscheute Angler! Wie qualvoll ersticken Fische!
Was sind das für Menschen, die sie auch noch einluden mitzuangeln und dabei zuzusehen? Kommen einfach und setzen sich, diese Angler.
Roh, roh, ist diese Gesellschaft. Denkt nicht in allen Richtungen, sondern meist nur in eine. Und in diesem Falle nur an ihren vollen Magen. " Tun Ihnen die Fische nicht leid?", fragte sie dann oft. Möchten sie ersticken oder dass man ihnen den Schädel einhaut? Als sie sich umdrehte, sagten die Angler diesmal: " Schade...". Sie konnte es nun mal nicht ertragen, wie diese Tiere an der Angel hingen, den Angelhaken im Maul und zappelnd um ihr Leben kämpften.
" Keine Rücksicht nehmen sie! Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass es Menschen gibt, denen so etwas zuwider ist? Ausserdem sind Sie nach mir an den Strand gekommen...", ruft sie noch und merkt wie ihr Magen knurrt. Ihr Magen ist leer. Wie konnte sie jetzt etwas herunterbekommen?
Sie läuft zurück durch die Dünen, entschliesst sich dann ins Café Malan zu gehen, welches direkt oberhalb der Theaterstrasse lag.
Elli war auch da. Natürlich konnte wohl jeder Melissas Kummer sehen. Und allem voran Elli.
Elli hatte schon viel erlebt in ihrem Leben. Ständiges auf und ab. Immer um die Existenz kämpfend. Das hatte sie rauh aber herzlich gemacht und Melissa mochte sie sehr.
" Was ist das denn für ein Gesicht?"
" Ich bin in eine unsensible Gesellschaft geboren, Elli! Und ich bin ein Fisch an der Angel, der zu ersticken droht an diesem Blödsinn Liebe!"
" Ach was... du bist noch so jung. Findest einen anderen, mein Kleines."
" Nein, Elli... ich habe die Nase voll. Wie soll jemand diese Männer verstehen? Mal hü, mal hott und dann bricht's einem das Herz!"
Elli setzt sich näher an Melissa. Der Holzboden quietscht unter dem Ruck des Stuhles. Die weisse Tischdecke rutscht mit ihrem aufgelehnten Arm etwas zur Seite, so dass sich Falten bilden.
" Du wirst sehen, alles wird gut."
" Mein Gott, warum raucht denn hier jeder? Das ist ja schrecklich. Elli, ich bin heute überhaupt nicht freundlich und nett, sondern ziemlich daneben! Und ich sage dir, dass mich dieser Rauch anekelt."
" Ach was... Jaja, so kenne ich dich ja auch überhaupt nicht. Armes Ding!"
" Ich liebe ihn..."
" Das sieht man... Liebeskummer ist immer schrecklich. Jaja, als ich noch jung war..."
Melissa winkt der Bedienung zu.
" Früher kam der mal von alleine..."
Sie bestellt sich und Elli einen Kaffee.
" Ach weißt du, Elli. Er war einmalig. Mit ihm konnte man streiten, lieben und sich wirklich unterhalten. Ich mochte alles an ihm. Und wenn zwei Dickköpfe sich lieben, dann ist es meist was Ernstes. Aber ich bin ihm noch nicht mal ein Wort oder ein Telefongespräch wert! Und dabei bin ich vor Sorge umgekommen. Hätte ja sonstwas passiert sein können. Aber er fragt nicht mal wie es mir geht. Und seine Blumen würde ich ihm, wenn er jetzt hier wäre, in seine Schuhe drücken. Basta! Wenn er jetzt hier wäre... ich würde...ich würde..."
Lustlos rührt sie im Kaffee herum.
" Verflixt... Ich kann denken, was ich will. Ich könnte ihm ja nicht mal wirklich ein böses Wort. Elli, sag mir was ich tun soll? So geht das doch nicht weiter."
" Kleines, aller Liebeskummer geht irgendwann vorbei."
Elli zupft sich an ihren blonden Haaren herum und nimmt einen riesigen, schlürfenden Schluck Kaffee. Es klingt so laut, dass es Melissa peinlich ist.
" Mach ihm eine Szene! Rede mit ihm..."
" Das hat er nicht verdient. Männer muss man verstehen lernen. Hysterische Frauen sind mir zuwider, wie zappelnde Fische am Angelhaken. Nein, nein, Elli..."
Melissa schnippst unbewusst immer wieder ein kleines Papierknäuel von Tischkante zu Tischkante. Als es ihr bewusst wird, schämt sie sich.
" Ausserdem laufe ich niemandem hinterher, wenn er nicht will, dann eben nicht! Ich muss jetzt los, Elli. Bis bald. Und grüss deine Kinder von mir."
Sie findet in jener Nacht kaum Schlaf. Immer wieder quälen sie die vielen Fragen.
Warum hatte er gelogen? Würde sie ihn je wiedersehen? War sie ihm so wenig wert, dass er noch nicht einmal wissen wollte, wie es ihr ging?
War ein gemeinsam empfundenes Gefühl jetzt nur noch Asche wert?
Als sie schliesslich doch einschläft, träumt sie, sie sei am Angelhaken erstickt.