
Der Spiegel des Lebens
Die Nacht war kalt. Die Sterne lagen in ihrer scheinbaren Ewigkeit im Dunkel des Himmelzeltes. Welch Schönheit jeder einzelne von ihnen. Ewigkeit strahlten sie aus in ihrer eigenen Sterblichkeit. Geburt und Tod, Wiederkehr und Erlöschen, leben und sterben. Der Duft der Nacht war getragen von einer baldigen Kälte.
Noch jedoch war es Herbst. Noch waren die Vögel nicht zu müde am Abend ihre Lieder zu singen, ihre Vogelkonzerte in die allumfassende Verbundenheit hinein zuverweben. Morgens um Fünf stimmten sie in den Tag, wie Beethovens „ Mondscheinsonate“ und abends wie Chopins „Nocturne Nr. 8“. Und welch ein Zwischenspiel war der Tag. Voller Leben und voller bunter Farbenspiele spielte der Herbst seine Melodie.
Bunte Blätterberge unter den Bäumen. Farbenpracht an den Ästen. Rote, gelbe und braune Blätter leuchteten in der Herbstsonne. Der Regen von letzter Nacht hatte die Erde und Blätterberge in eine Duftschönheit verwandelt. Die Natur, die Königin der Düfte. Alles roch nach ihrem Atem, roch nach Leben und Vergänglichkeit.
Nasses Holz, welches vom Wasser angespült wurde, trug den Duft des Flusses. Der Morgen duftete anders als der Abend. Wiesen und Felder stimmten in eine Sinfonie hinein. Noch blühten einige Blumen. Noch betörten sie uns mit ihren Farben und Schönheit. Jede Blüte ein Kelch des Lebens.
Vergangen werden auch sie bald sein. Aber auch wiederkehren.
Am Fluss war es nun schon kühl. Die Wellen etwas herber. Das feuchte Gras manchmal morgens voll Tau und die Möwen flogen schon durch eine Nebelwand. Vielleicht lag die Wahrheit des Nebels in seiner Blindheit. Vielleicht sollten wir einmal lernen neu hinzusehen, wenn wir aus ihm herauskommen.
Weda betrachtete den Nebel einmal anders, als wie er sonst gesehen wird und wie er tatsächlich entsteht.
Die Steine am Wasser waren ihr willkommen. Manche hatten eine lange Reise hinter sich. Manche waren schon weich geschliffen durch das Wasser, andere noch spitz und kantig. Jeder war eine kleine Welt für sich mit einer eigenen Geschichte. Manche glänzten, andere waren nur schwarz. Manche waren ausgehöhlt, andere hatten interessante Muster in unterschiedlichen Farben. Ja, sogar zu Herzformen hatte die Zeit der Wellen sie geschliffen. Welch Ruhe strahlte das Wasser aus, welches sich durch die Steine schlängelte. Seinen Schaum zurückliess, der bei Wind wegflog wie eine Feder. Diese Musik, die die Steine machten, wenn sie geschliffen wurden. Immer und immer wieder. Und etwas oberhalb der Steine lag beinah weisser Sand. Trotzdem es schon etwas kühl war setzte sich Weda in den Sand. Welch Muster sich im Sand geformt hatte. Wie in der Wüste so lagen kleine Furchen im Tageslicht. Weda zog ihre Schuhe aus und setzte einen Fuss besonders fest in den Sand. Bald würde er wie in der heissen Wüste von der Vergänglichkeit fortgespült wurden sein. Die Wüste liess dieser Spur weniger Zeit und machte sie bevor es in der Nacht sehr kalt wurde unsichtbar durch ihre ewige Unruhe. So wie es tagsüber unerträglich heiss war in ihr, so war es des Nachts sehr kalt. Den Kamelen macht es nichts aus. Nur an Wasserstellen müssen sie auf Vorrat trinken,um zu überleben. Ihre Fettspeicher, diese zwei Höcker auf dem Rücken, geben ihnen Kraft. Kamele sind manchmal etwas übel gelaunt aber sonst sehr sensible Tiere.
Dromedare haben dagegen nur einen Höcker und diese zwei sahen besonders schön aus auf einem Bild im Spiegel ihrer Gedanken. Einst glaubten die Menschen Kamele würden Wasser in ihren Höckern speichern doch
dies ist falsch.
Sie sass vor einer anderen Oase. Eine Oase eines Flusses.
Welche Weite lag vor ihr. Nur Bäume, Wellen, Sand und die aufgehende Sonne im Spiegel des Flusses. Kein Haus, das störte, kein Lärm, nur der Ursprung und sie mitten darin. Und sie versank ganz in sich und als sie wieder erwachte, da spürte sie diese Leere. Sie spürte, dass sie für eine kurze Zeit nicht denken musste. Das alles leer war. Und es gab ihr so unendlich viel Kraft und Freude dieses Gefühl das Denken gestoppt zu haben im Versinken der Natur und in sich. In all ihrem Erwachen und in ihren Feststellungen hatte sie nicht bemerkt, dass sich ein Hund neben sie gesetzt hatte. Und vor ihm lag ein kleiner Tennisball und er schaute sie an und welch liebe und gütevolle Augen hatte solch ein Wesen. Es war ein Jagdhund und es kamen noch zwei weitere hinzu, die aber direkt auch wieder wegliefen. Und Weda sah sich um, suchte das Herrchen oder Frauchen der Hunde aber nirgends waren sie zu sehen. Und der Hund mit seiner guten Seele sass immer noch da. Weda sprach mit ihm, ganz leicht und sanft. „ Geh zu deinem Herrchen, nun lauf schon.“ Aber er dachte nicht daran.
Ganz still blieb er sitzen, nur seine Augen verrieten dass er Weda bat den Ball zu werfen. Spielen wollte er und es dauerte auch nicht lange, da fing er an zu winseln, so als wolle er sagen, nun spiel doch endlich mit mir.
Weda lächelte und griff zum Ball, der nicht gerade trocken war, sondern ziemlich zerkaut und nass. Und gerade in dem Augenblick als sie den Ball warf, da hörte sie Rufe. Die Rufe der Menschen, denen dieser Hund gehörte.
Der Hund rannte dem Ball hinterher und lief dann weiter zu Frauchen. Und somit war es ein Übergang für ihn. Er hatte bekommen, was er wollte und zugleich seine Menschen wieder.
In den Bäumen hatten sich nun die Krähen versammelt. Es wurde nun Zeit sich auf den Weg zu machen. Und sie lief vorbei an Sträuchern, alten Bäumen und wilden Blumen. Eine wilde Rose hatte eine Blüte verloren, vielleicht war sie auch abgerissen. Aber sie lag noch ganz in ihrer Schönheit am Boden und Weda hob sie auf und nahm sie mit.
Wie doch alles miteinander verbunden ist. Mensch und Tier, Pflanzen und Bäume, das Meer und der Fluss, Wüste und Regenwald. Wenn eines kränkelt dann kränkelt auch bald das andere. Wenn es dem Regenwald schlecht geht dann geht es den Menschen auch schlecht. Überschwemmungen lassen die Flüsse kränkeln und dann tritt er übers Ufer und erfasst die Menschen. Für den Menschen muss alles einen Nutzen haben. Nichts soll einfach nur da sein.
Die Luft veränderte sich. Ein leichter Windhauch durchzog sie. Bald würde es regnen. Weda dachte an all jene, die den baldigen Winter wieder einen Schacht suchen müssen, um nicht zu erfrieren. Manchmal war deren Zuhause eine kleine Schutzwand aus Pappe. Manchmal hatten auch sie Hunde und liebten sie über alles. Lieber aßen sie nichts und versorgten ihre Tiere. Vielleicht dachte sie auch gerade jetzt daran, weil sie an jenem Hund denken musste, der sich zu ihr gesetzt hatte am Wasser.
Sie lief weiter. Lief vorbei an Häusern, wich einem Fahrradfahrer aus und stellte dann fest, dass sie müde war. Sie musste sich nun ausruhen und setzte sich an den Rand eines alten Hauses. Die Autos fuhren vorüber. Fussgänger eilten vorbei und am kleinen Gemüsegeschäft tummelten sich Frauen.
Dieses Haus war alt. Der Putz bröckelte etwas ab. Sie beobachtete die Menschen. Wie sie eilten und neben ihrer Hektik nicht nach links und rechts schauen konnten. Alles ist vergänglich, dachte sie. Selbst der Putz an den Häusern. Jede Sekunde ist vergänglich. Und in diesem Moment, da liefen zwei Menschen Hand in Hand an ihr vorbei. Und in ihren Augen, da sah sie das Glück.Sah sie die Liebe. Die Liebe, die liebkost, die empor hebt und auch Herzen brechen kann. Und sie lächelten sich beide an. Und Weda wünschte ihnen viel Glück im Herzen.
An der gegenüberliegenden Bushaltestelle warteten drei Menschen. Eine Frau mit Kind und ein alter Mann mit einem Spazierstock. Und dann kam noch ein alter Mann. Er sah alt aus, aber womöglich war es dadurch, da er so abgemagert war. Sie sah, wie die Mutter das Kind zur Seite nahm und der alte Mann mit dem Stock etwas weiter ging. Dieser abgemagerte alte Mann hatte dies bemerkt. Er lächelte und lehnte sich an das Glas der Haltestelle. Seine Sachen waren verschmutzt, sein Haar verfilzt aber sein Blick war dennoch nicht gebrochen. Das laute Geräusch verriet, dass der Bus gleich da sein würde und schon fuhr er auch um die Ecke, hielt an und versperrte Weda ihre Sicht.Als er weggefahren war, sass niemand mehr da. Auch den anderen alten Mann ohne Stock sah sie nicht mehr. Aber irgend etwas stand statt seiner an dem Glas. Etwas sehr kleines, aber dennoch erkennbar.
Sie stand auf und ging hinüber. Es war ein kleines Glas und in dem Glas schwamm eine kleine, wilde Rose. Weda sah sich um. Und sah ihn gerade um die Ecke biegen. Sie versuchte ihn noch einzuholen, ihm das Glas zurück zugeben. Aber als sie ankam war er nicht mehr zu sehen. Und so machte sie sich auf den Rückweg mit dem Glas zur Bushaltestelle. Eine alte Frau hatte sich hingesetzt. Ihr graues Haar hatte sie zusammengebunden, ihre Hände sorgfältig übereinander gelegt und es schien sie träumte. Weda setzte sich daneben, stellte neben sich das Glas mit der Rose legte ihre noch mit hinzu, stand wieder auf und ging langsam weiter. Als sie sich umdrehte sah sie wie die alte Dame das Glas in den Händen hielt und sich freute. Vielleicht hatte sie lange keine Blumen mehr bekommen, dachte Weda. Viele alte Menschen sind einsam. Und vielleicht ist es für sie ein kleines Glück etwas geschenkt zu bekommen, von dem man nicht weiss woher. Einfach so, ein wenig Freude.
Auch in Weda war nun Freude.
Und als am Abend das Abendrot zu sehen war, da war ihr es, wie ein eigenes Bild. So, wie dieser Tag mit der wilden Rose.
Die Gemälde unseres Lebens malen wir so oft selbst. Und manchmal bringt eine kleine, wilde Rose ein Lächeln. Jede Blüte ein Kelch des Lebens.
Und alles spiegelt sich woanders wider.
2002