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So lange du mich liebst

Sie steht in Rotterdam. In dieser Stadt der alten und neuen Architektur. Der Stadt der geteilten Meinungen. Da sind die Architekten einerseits und da sind die Einwohner anderseits, die an ihren alten Gebäuden hängen. Gegensätze ziehen sich an. Auch sie zog diese Stadt an. Es gibt in Rotterdam tausend Dinge zu entdecken. Hydraulische Kräne, ein Objekt der Kunst und Architektur, welches der Passant selbst bedienen kann, indem er auf einen Knopf drückt, Würfel- oder Baumhäuser ziehen sich über eine Strasse, Kunstmuseum und Architekturmuseum.
Ja, denkt sie, man kann sagen, dass Rotterdam ein Labor der Architekten ist. Aus aller Welt kommen sie hierher. Planen, lassen umsetzen. So, wie man sagen kann, dass diese Stadt einerseits wie ein zweites New York ist, andererseits wie ein zweites wunderschönes Venedig. Das faszinierte sie, ja seitdem sie das erste Mal da war, zieht es sie immer wieder hierhin.
Was Bremen an Schönheit hat, an Zusammenhalt, an der Sitte des Bänkestiftens für die Parks, welches also Tradition hat, das hat Rotterdam auf eine andere Art.
Da ist was Bremen an Kultur und Offenheit hat, es hat einen ganz besonderen Charme, freie Konzerte, die für jeden gegeben werden und somit also auch für weniger flüssige Menschen eine Chance sind Kultur zu erleben, ebenso wie ein Kunstmuseum wieder eröffnet wurde, das hat Rotterdam ebenso, nur in anderer Weise. Bremen ist eine ganz besondere Stadt, ebenso wie Rotterdam.

Hier also stand sie nun. In Rotterdam vor dem Hotel "New York". Nun endlich will sie ihm ihre Liebe gestehen. Denn jemanden zu sagen, dass man ihn liebt, will bedacht sein. Zu oft wird es ausgesprochen und erlischt genauso schnell wieder. Nein, sie wollte sich sicher sein und sie war sich sicher bei ihm.
Sie hat extra für ihn einen riesigen Blumenkorb gekauft. Viele Blumenzwiebeln hatte sie der Gärtnerin noch gesagt. Viele bunte Blumen. Er liebt Blumenkörbe, nicht nur auf seinem Schreibtisch, da eher kleinere, nein Martin züchtet sogar selbst.
Wird er kommen? Dieses Hotel ist von innen ein Augenschmauss. Es ist gerade der richtige Ort für die Liebe.
Sie schaut sich sehnsüchtig um. Eines hatte sie sich geschworen, wenn er nicht kommt, fährt sie Richtung Den Haag und nimmt am nächsten Tag die Fähre nach England.
In solchen Minuten vergeht die Zeit sehr langsam. Wenn man warten muss, dann vergeht meist eine kleine Ewigkeit. Ihre Blicke sind anders als sonst, sie sind schneller, huschen immer wieder hin und her. Sie ist nervös und tief in ihr weiss sie die Anwort längst, nur will sie es sich nicht eingestehen. Da ist immer noch diese kleine winzige Hoffnung, die die Wahrheit in ihr verdrängt, die alles Dunkle überschattet. Das Dunkel, dass wieder einer ihr Herz brechen wird, dass sie wieder vergeblich Gefühle investiert hat, dass er vielleicht mit ihr spielt.
"Schiffe laufen täglich im Rotterdamer Hafen ein oder aus, bitte komm doch, bitte! Sei doch nur ein einziges Schiff, das den Stürmen trotzt und sicher und sanft zu seiner Liebe stehen kann! Bitte!"
Anne spürt nicht die mitleidigen Blicke von den Menschen, die an ihr vorübergehen. Man sieht es ihr an. Ihr ist nicht bewusst, dass sie gerade laut gesprochen hat.
Sie schaut auf die Uhr. 18 Uhr. 16 Uhr waren sie verabredet. Ihr aber kam es nicht nur wie zwei Stunden vor, sondern wie ein ganzes Leben, wie die Ewigkeit in ihren Zügen höchst persönlich. Doch jetzt erlischt ihre Hoffnung ganz und sie sackt innerlich zusammen.
Plötzlich klingelt ihr Handy.
Mit zittrigen Händen nimmt sie es aus ihre Handtasche. Nur ein Hallo rutscht ihr aus der Kehle.
" Hallo... ich bin es"
Anne schluckt.
" Wo bist du?"
" Ich bin in Köln, im Café "Spitz", du weißt doch, dass ich Köln sehr liebe und wenn ich geschäftlich in der Nähe bin, mache ich immer einen Abstecher nach Köln und gehe, wenn es mir die Zeit erlaubt ins Café "Spitz". Ach übrigens, kennst du den Oberbürgermeister? Und der Dom wird ja auch nie fertig. So ist das, weißt du... gestern war ich noch in Hamburg..."
" Aber Martin, du weißt doch... ich meine..."
Sie ist mehr als schockiert. Was dachte er sich nur?
" Ich weiss... ich kann nicht kommen. Bitte verzeih mir! Ich musste nach Köln, geschäftlich und war die ganze Zeit in einer Sitzung. Ich konnte dich nicht früher anrufen."
" Ich habe auf dich gewartet... Zwei Stunden, Martin, du weißt, es ist für uns beide keine Entfernung mal eben in eine andere Stadt zu fahren oder zu fliegen. Was ist schon die Strecke Köln- Rotterdam für dich. Und was für mich von Rotterdam nach meinetwegen München? 600 Kilometer, 800 Kilometer, was ist das schon. Heute hier morgen da, geschäftlich oder nicht. Wir sind das gewöhnt. Aber da ist etwas anderes. Da ist etwas, was so unendlich wichtiger ist... Martin."
Sie merkt wie ihre Stimme zittert. Überhaupt wie alles an ihr zittert.
So geht das nicht mehr weiter. So hatte ihre Liebe niemals eine Chance zu überleben.
" Martin, du kannst nicht zu mir stehen. Und ich... ich... wollte dir sagen, dass ich dich liebe. Aber wir haben so keine Chance. Du weichst ständig aus. Gibt es eine andere? Warum? Ich vertrage es, sag es mir!
Weißt du, jeden Tag fahren so viele Schiffe hier ein und aus, aber wir, wir schaffen es nicht einmal zwei ruhig zueinander zu steuern- unsere Herzen nämlich."
Am anderen Ende der Leitung ist alles still.
Anne merkt wie ihr Tränen über die Wange rollen. Dabei versucht sie krampfhaft eben gerade das nicht zuzulassen. Nicht vor den Leuten, die sie schon mitleidig ansehen. Eine ältere Dame bleibt sogar kurz stehen und schaut sie an.
"Ich melde mich jetzt erst einmal eine ganze Weile nicht. Vielleicht ist es besser, wenn ich mich nie mehr melde. Vielleicht ist es besser für dich, für mich, für uns beide. Morgen nehme ich die Fähre nach England. Vielleicht war es dir nie ernst, vielleicht war ich einfach nur so da für dich, existierte neben dir her, wann immer du mich brauchtest, war ich brauchbar neben dir, und wenn du mich nicht brauchtest, dann eben nicht, dann war ich aus deiner Welt geworfen. Ich will nicht betteln, und ich unterwerfe mich auch nicht deinen Ansichten."
Martin schweigt noch immer.
Anne nimmt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.
In jenem kurzem Moment durchlaufen ihre Augen einen Film. Innerlich sieht sie, wie sie sich geliebt hatten. Sie sieht ihre erste Berührung mit seiner Hand, spürt noch einmal, wie alles kribbelte und prickelte, spürt noch einmal die Wärme seiner Haut, sieht vor sich, wie sie ihm über die Wange streichelt, denkt an die erste Liebesnacht voller Begierde, Zärtlichkeit und Lust,
schmeckt immer noch seinen ersten Kuss, seine Lippen, die sich zuerst zaghaft, dann heftiger und stürmischer auf ihre Lippen pressen und nach Verlangen schmeckten. An jenem Abend wünschte sie sich die Ewigkeit. Eine Ewigkeit für Zärtlichkeiten. Aber heute hatte sie sie gespürt... nur ganz anders, eine Ewigkeit des Wartens, des Hoffens und des Schmerzes.
Was spürte sie in sich? Trauer. Verzweiflung. Warum hatte ausgerechnet sie nie Glück mit der Liebe? Warum gibt es für sie keine Schulter, keine Hand? Verlangt sie zu viel? Sicher, eine typische Hausfrau ist sie nun mal nicht, eher eine Kopffrau mit Herz.
Tausend Gedanken gehen ihr durch den Kopf, während Martin noch immer schweigt.
" Warum sagst du denn nichts?"
Der Blumenkorb steht noch immer vor ihren Füssen. Sie wird ihn verschenken. Was soll's.
" Bitte sag doch etwas!"
Schweigen.
" Hallo?"
" Ja?"
Wie? Was war jetzt. Seine Stimme klang so nah... das ist doch...
Sie dreht sich um.
Er steht da!
" Liebes, ich wollte dich einfach überraschen... und ich hatte mich zudem etwas verspätet... Ich liebe dich auch! Komm her!
Sie ist fassungslos und kann ihn nur noch umarmen.
" Du zitterst ja...das brauchst du nicht... ich bin ja da!"
" So lange du mich liebst..."

 

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