
Sena und der Fluss
Sena war schon den ganzen Tag zu Fuss unterwegs. Sie wollte zum Fluss hinab gehen, unten im Tal. Die Nacht verbrachte sie oben in der Hütte auf dem Berg. Bis tief in die Morgenstunden sann sie über die Ruhelosigkeit des Flusses nach und seiner Aufgabe. Am Morgen stieg sie hinab. Die Sonne war schon erwacht. Es lag noch vereinzelt etwas Schnee an den Hängen. Die ersten grünen Spitzen der Grashalme waren schon zu sehen. Ein klarer Geruch der Luft durchzog ihren Weg. Die Sonne legte sich über die Reste des Schnees und liess so eine kleine Zauberwelt erscheinen. Es glitzerte und funkelte. Sena kniff die Augen etwas zusammen und hielt ein wenig inne, um alles in sich aufzunehmen. Alle Zeit war nun vergessen. Sie liess sich treiben in ihren Empfindungen. Als sie am Fluss ankam war es bereits später Nachmittag. Mit sanften Schritten ging sie zum Ufer des Flusses.
Du, Fluss, sprach Sena, du gönnst dir wohl nie Ruhe? Warum bist du ununterbrochen in Bewegung?
Ich bin ruhelos, sprach der Fluss, und bringe dir doch die Ruhe. Ich stehe nie still, aber bin doch scheinbar immer gleich anzusehen.
Was siehst du, wenn du in mich schaust?- sprach der Fluss
Ich sehe Frieden, sehe Strudel und deinen Zorn, wenn du über das Ufer trittst, sagte Sena.
Aber lass mich einmal an dein Ufer setzen und dich ansehen.
Ich sehen einen Kreis, sagte Sena. Ich sehe deine Schönheit, ich sehe wie sich abends die Sonne in dir spiegelt, ich sehe Tiere und Pflanzen- du bist ein Haus und doch frei, bist ein Zuhause und kannst zugleich niemals selbst ankommen. Hast du niemals Verlangen danach selbst stillzustehen?Und was ist deine Aufgabe?
Siehst du, sagte der Fluss, nun werde ich dir sagen, was meine Aufgabe ist. In mir wohnt alles, da ich ein Fluss bin, alles an Weisheit: Christen,Juden, Buddha, Hindus, Moslems und Atheisten, der grosse Manitu, und noch viele andere, an das Menschen glauben- In Frieden und sehr weise.
Doch da, wo du stehst, auf der Erde herrscht Krieg. Blut fliesst immer wieder in mich.Menschen bringen Menschen um, weil sie anders sind, anders glauben und es den anderen nicht zugestehen, sondern glauben sie allein hätten das Recht auf nur ihre Wahrheit. Kinder sterben, Alte und Junge. Morde und Gewalt- soll das eure Weisheit sein? Atheisten bringen Buddhisten um, Moslem und Hindus hassen sich, und schau nur selbst in den Spiegel meines Wassers-- du siehst noch mehr. Sag mir, wie könnte ich jemals ruhen, jemals aufhören diesen Frieden in mir zu euch zu tragen, wo immer ich auch bin oder hinabfalle im Kreislauf des Lebens?
Nun, sagte Sena, aber wie kannst du dir sicher sein, dass sie ihren versprochenen Frieden einhalten? Hast du keine Angst vor Lügen?
Du hast wohl recht, sagte der Fluss. Nur die Herzen selbst wissen was die Wahrheit ist, doch es ist besser einmal mehr in den Frieden einzustimmen, wenn es auch nur einen Blutstropfen verhindert.
Sie schliessen alle das Schloss mit dem selben Schlüssel auf- aber jeder meint ihn zu besitzen. Die Wahrheit aber ist, dass jeder einen Teil nur davon hat- der Schlüssel zu mehr Frieden muss zusammengesetzt werden.
Willst du mir wohl helfen und es ihnen sagen?- sprach der Fluss.
Ja, sagte Sena, das werde ich tun.