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(C) B.M.N.


Regenküsse

Ein heisser Sommerabend warf sich über die Wiese, auf der das Gras hellbraun war, durch die senkende Sonne. Die Kleidung klebte an der Haut und es machte Mühe sich zu bewegen. Die Mücken schwirrten aufgeregt umher. Die Schwalben flogen etwas tiefer. Ein deutliches Zeichen für eine baldige Abkühlung. Sollte es etwa Regen geben? Zu wünschen wäre es nach schlaflosen Nächten, nach unruhigen Träumen und Schlafphasen, die mit der Hitze zusammenhingen. Die letzte Nacht war jedoch wieder anders. Sie schlief besonders unruhig, wälzte sich immer wieder von links nach rechts, stand gegen Mitternacht auf und trank einen Tee. Um sich ein wenig abzulenken hörte sie Glenn Gould und seine Bachinterpretation an. Keiner spielt so wie er. Danach kam Bernstein und Alfred Cortot. Ebenfalls Meister. Aber Gould, das war ein Rebell der Klassik, ein Eigensinniger, ein Genie, der bitter dafür zahlen musste, bis zur Medikamentenabhängigkeit. In seiner Wohnung standen und lagen überall Bücher. Er hatte eine gute Allgemeinbildung und hätte wissen müssen wo es endet. Aber er dachte wohl nicht daran, sondern lebte sein Leben, seine Hingabe. Solch ein Mensch hat nicht nur positive Seiten, genauso wie Einstein nicht nur positive Seiten hatte. Aber wer hat denn schon nur Gutes? Keiner. Wir alle haben gute und schlechte Seiten. Nicht immer ging er mit seinen Mitmenschen gut und angemessen um.
Wer spielt Arnold Schönberg besser als er? Wer Byrd, wer Gibbons oder Beethoven? Wer Bach und Chopin? Es war seine Hingabe, sein Verschmelzen, seine ganze Liebe, die er hineinspielte. Und seine Trauer, seine Melancholie, seine Sehnsucht.


Draussen war es nun bedeckt. Der Himmel hatte sich zugezogen mit vielen kleinen und dunklen Wolken. Heute waren keine Sterne zu sehen, kein Mond. Als sie hinaufblickte da sah sie nur sein Gesicht und spürte, dass diese Wolken etwas mit dem nächsten Tag zu tun hätten. Gould spielte immer noch. All dies passte zur Nacht, leise Musik, Sehnsucht und er. An den Wänden des Zimmers lag nur der Kerzenschein und beleuchtete nebenbei noch Chagall an ihrer Wand. Der blaue Violinist. Dieser weisse Mond darauf schien jede Nacht. Diese Vögel sassen immer da. Sie liebte dieses Bild. Diese blaue Violinnacht, die nie enden würde.


Neben der alten Kommode lag ein Fotoband über Körperausschnitte. Wunderschöne Bilder. Auf einem Bauch, da lag nur eine Rose, auf einem Fuss stand ein winziges Bäumchen, auf einem Oberkörper waren Wassertropfen. Und ein Bild, das sie mehr berührte als alle anderen, war die Haut eines alten Menschen neben der Haut eines jungen. Stark vergrössert. Die Jahre hatten der Haut die Wege gezeigt. Hatten Winter wie Sommer an ihr geformt und doch war ein Teil davon schon festgelegt in den Genen. Eine alte Haut trägt die Wellen der Zeit, trägt allen Kummer und alle Liebe mit. Gould hatte in seinem Leben nur eine Liebe neben dem Klavier. Nur eine Frau, die er liebte für sein Leben.
Und so vergass sie im Klang der Musik und im Denken über Gould den nächsten Tag und schlief im Ohrensessel ein.

Sie lief, noch müde von dieser letzten Nacht, die kleine Gasse des ebenso kleinen Örtchens entlang. Die Hitze tat noch etwas hinzu. Ihr weisses T-Shirt schien ihr viel zu viel auf der Haut. Die Haare, die sie offen trug, klebten an ihrer Stirn und schaute sie über die Strasse, so konnte sie die Hitze sehen, ähnlich dem Zerrbild der Wüste.
Zwanzig Uhr hatte er gesagt. Jetzt war es Neunzehnuhrdreissig. Nur noch eine halbe Stunde bis sie sich wiedersahen. Sie hielt es beinah nicht mehr aus. Sieben Wochen hatten sie sich nicht gesehen. Sieben Wochen waren eine verdammt lange Zeit, wenn man liebt. Und sie liebten sich. Wochen in denen er in Langeoog wohnte; in einem Ferienhäuschen. Sie kannte es auch. Diese Insel der Träume beinah vor der Haustür. Dieser herrliche weisse Sand, der noch unverbraucht erschien, diese netten Menschen und das Meer, das den Gästen und Bewohnern mal sanft und artig zu Füssen lag und mal stürmisch und furchtbar mit hohen Wellen drohte. Diese Luft, die hungrig machte und der Sand, der sich überall absetzte. Das Salz setzte sich an den Lippen ab und besonders schön war es im Herbst, wenn der Wind wehte und mit den Wellen einstimmte. Hier wollte er nachdenken, über sich, die Beziehung mit ihr, über die Welt und das Leben überhaupt. Solche Zeit war beinah immer für ihn. Und auch für sie. Sie passten nicht in dieses kitschige Leben und Liebe hinein, die alle für dies hielten. Besinnungszeiten in denen über alles nachgedacht wurde, was sie erlebt hatten zusammen, oder auch alleine, über das, was sie störte am Leben und an sich selbst. Anna machte oft Fotos von dem, was sie berührte, wenn er nicht da war.
Notierte, was sie sich erdacht hatte, was sie Neues herausfand. Er hingegen diktierte alles auf ein Band. Oft genug waren darunter Liebesschwüre, genauso wie Albernheiten.

Sie waren beide im selben kleinen Städtchen zu Hause. Liebten diese engen Gassen und den historischen Stadtkern. Liebten die alte Burg und den kleinen Bach.Und sie wusste, dass er es trotz der Besinnungszeit sehr vermisst hatte.

Aber es waren auch Wochen voller Nachdenklichkeit, voller Besinnung und Stille für sie, nicht nur für ihn. Voller Sehnsucht und Verlangen. Sie wollte ihm so viel sagen.
Als er dann aus dem Bus ausstieg hatte sie keine Worte mehr. Sie lief mit schnellen Schritten zu ihm. Er liess seinen Koffer fallen und fing sie auf.
Sie liefen danach durch den Park, der bei Tage so viele wunderschöne Eindrücke hatte und einige Skulpturen von Künstlern, nahmen aber kaum etwas wahr, sondern berührten sich, liessen nicht voneinander ab, betrachteten sich, so als ob alles neu wäre. Ein weiter Weg bis nach Hause. Seinem Zuhause.
Beinah war es nun schon finster als es anfing leicht zu regnen. Also hatten die Schwalben recht. Eigentlich hängt das mit der Luftfeuchte und dem Futter zusammen, dachte sie. Aber das war jetzt unwichtig. Alles was zählte war seine Nähe. Sie gingen Hand in Hand durch den Regen, der nun stärker wurde und ihre Sachen durchweichte. Nirgends war ein Unterschlupf. Regentropfen perlten an ihrem Haar herunter. Liessen sein Gesicht im Laternenlicht glänzen. Sie hatte nur ein weisses T-Shirt an und das war nun durchweicht. Ihre Haut war zu sehen. Martin küsste sie. Sie sah im Regen aus wie ein Schmetterling. Überall glänzte ihre Haut, suchten sie Regentropfen ihren Weg über ihren Körper, hatte sie Gänsehaut von seinen Berührungen. Sein Mund berührte ihre Lippen. Sanft und vorsichtig. Sie küsste seine untere Lippe, dann die obere und streichelte seinen Mund mit der Zunge. Es prickelte beiden. Es löste so ein Gefühl nach mehr aus, ein Gefühl nach Fallenlassen, nach Liebe.
Er küsste sie heftiger. Sie spürte sein Verlangen, spürte seine Lust.
Später gingen sie weiter. Es war nun noch eine halbe Stunde. Aber ihre Gefühle waren stärker und so gingen sie abseits auf die versenkte Wiese. Mitten im Regen liebten sie sich. Sie spürten nicht, wie es sich abkühlte, spürten nicht wie der Regen immer stärker wurde. Alles was sie spürten waren sie selbst.
Voller Leidenschaft riss sie sein Hemd auf, legte ihre Hand auf seine Brust. Spürte seinen Herzschlag, während er nicht aufhören konnte sie zu küssen.
Er liebte ihren Körper genauso; wie ihr Herz und ihren Verstand. Alles liebte er an ihr. Wochen hatte sie grosse Sehnsucht nach all den schönen Stunden, die sie verlebt hatten. Stunden im Kerzenschein, Stunden am Wasser, Stunden über Bücher. Noch viel mehr Stunden, die ja gar nicht alle aufzuzählen waren. Jede Stunde war kostbar, so empfand sie und er. Nun lagen sie im Gras und berührten sich, mal weich und zärtlich, mal wild und lustvoll. Seine Hände berührten und liebkosten ihre Brüste. Sie streichelte über seinen Rücken. Als seine Hände über ihren Körper wanderten, liess sie sich fallen. Er war wie von Sinnen von ihr, war fern jeder Realität, spürte nur noch sie und sich selbst. Als er ihre empfindlichsten Stellen berührte, sah er wie sie ihre Hände in das Gras krampfte. Wie sich ihr Körper nach oben bäumte, wie ihr Atem schneller und schneller wurde und sie zwischendurch immer wieder sagte: "Martin, oh, Martin. Ich liebe dich."
Sie verbrannte und erlosch immer wieder aufs Neue. Kehrte zum Gipfel und stieg ab nur um einmal Luft zu holen und wieder aufzusteigen. Seine Hände machten sie wahnsinnig.Der Regen tropfte auf ihren Körper, tropfte von seinen auf ihren, tropfte von seinem Haar auf ihren Bauch, auf ihre Schenkeln, auf ihre Brüste und ihre Scham. Überall suchten die Perlen sich ihre Wege. Beinah jeden einzelnen konnte sie spüren. In ihrem Bauchnabel hatte sich das Wasser gesammelt und verteilte sich immer wieder bei jeder Bewegung ihres Beckens über sie. Lief hinab und zur Seite. Es war pure Lust, pure Sinnlichkeit.
Sie konnte nicht einmal in seine Augen schauen, weil sie die Gefühle nicht zur Ruhe kommen liessen.
Eine wahnsinnige Liebesnacht hatte begonnen. Seine Haut lag in der Nacht, im feuchten Gras als sie sich über ihn beugte und sein Gesicht streichelte, ihn küsste und ihre Hände sich über seinen Körper schmeichelten. Ihre Lippen schmiegten sich sanft an seinen Hals, legten sich über seine Ohren und ihre Zungenspitze fuhr sacht in seine Ohrmuschel, umkreiste jede Furche des Ohres, bevor sie wieder über den Hals fuhr und hinunter zu seiner Brust glitt. Ihre Hände streichelten seinen Bauch, streichelten sich hinunter bis zu seinen Schenkeln. Jedesmal, wenn sie vorbei an seiner Verletzlichkeit kam, sah sie wie er mit geschlossenen Augen sich seiner Lust hingab, wie sein Kopf sich hin und her wand. Sie nahm ein paar Grashalme, die behangen waren mit Regen und zog sie über seinen Bauch hinunter zu den Füssen. Küsste seinen Bauchnabel und streifte mit ihren Fingernägeln seine Innenschenkel. Sie spürte, dass er sich immer mehr gehen liess;das er eintauchte in diese Welt der Hingabe. Sein Körper war wunderschön.Voller Regen und immer und immer wieder küsste sie die Regentropfen weg, zog dabei ihr nasses Haar über ihn und spürte ab und an seine Hände auf ihrem Kopf.

So vergingen Stunden. Überall lag der Duft der Nacht und der Regenluft, und lag ihr Atem.
So liebten sich sich bis zum nächsten Morgen.
Erschöpft aber sehr glücklich und mit nassen Sachen kamen sie zu Hause an. Keiner von beiden fror, obwohl sich später doch ein leichter Schnupfen zeigte. Es war nun Sonntag. Der Regen hatte sich wieder verflüchtigt und die Sonne ging auf. Die Vögel stimmten in den Tag hinein.
Als Martin erwachte lag Anna nicht mehr neben ihm. Er dachte sich nichts dabei und schlief wieder ein, bis er
plötzlich blitzmunter war. Anna sass auf der Bettdecke und träufelte mit einem Eiswürfel dieses kalte Wasser Tropfen für Tropfen auf seinen Oberkörper. In der anderen Hand hatte sie zwei Ananasringe, die sie auf seine Brust legte. Eine links, eine rechts und anfing sie abzuessen. Noch bevor er sich richtig besinnen konnte, hatte Anna sich erhoben und lief zum Regal hinüber, um sich ihre Pfeife zu holen.
Als Martin das sah, lächelte er.
Anna wusste, dass er es nicht mochte, doch schliesslich war es nur das Gefühl das die Pfeife immer zum Denken passte, es gab ihr eine besondere Stimmung. Und noch nie hatte sie diese Pfeife angezündet, denn sie war Nichtraucherin. Aber sie liebte diesen Tabak, der nach Vanille roch und diese Stimmung.
Es war ja auch gar nicht fraulich. Eine Frau mit Pfeife? Nur Martin wusste es. Ab und an eben, da sah er sie damit im Ohrensessel sitzen und belächelte es etwas, aber respektierte es auch. Schliesslich würde sie sich sowieso nichts sagen lassen. Von niemanden.
Jaja, dachte sie. Jetzt macht er sich wieder lustig über mich und versank wieder in ihre Gedanken.
Er schlug die blaue Bettdecke weg, wischte sich den Ananassaft von der Brust und lief ins Bad.
Anna dachte nach.

Sie war Malerin und vor ihr lag in Gedanken dieses Bild, was sie seit einem halben Jahr nicht beenden konnte. Ihr grösster Wunsch war es einmal es zu beenden, wenn sie - ja wenn
sie jemals diesen Mann wiedersehen könnte. Damals auf der kleinen Brücke, die über den Bach führt.
Es war nur ein flüchtiger Blick. Aber einer, der sie nie wieder losliess. Dieser Gesichtsausdruck des Mannes. Er hing so voll mit Trauer, mit Verzweiflung und doch hatte er sie angelächelt. Sein schwarzer Mantel war offen.
Eine Hand war vergraben in der linken Manteltasche. Es war kalt, eigentlich zu kalt, um mit offenem Mantel herumzulaufen. Aber es schien ihr, es war ihm egal. Er sah gepflegt aus und sein Haar lag glatt.
Alles wusste sie noch ganz genau. Auch, wie er dann mit der anderen Hand einem Taxi winkte, als er von der Brücke war. Da sah sie, dass an seinem Finger ein Ring steckte. Als er einstieg sah sie, wie etwas auf die Strasse fiel. Er aber bemerkte es nicht und das Taxi fuhr los. Sie lief hin und hob es auf. Es war ein Zettel:

"Pianobar Hansengasse, du weißt schon wo. 18 Uhr, komm mit dem Bild, male mich... Das Leben ist zu kurz, um lange darüber nachzudenken. Dein Narbentier!"

War es Zufall? War es keiner? Woher sollte er wissen, dass sie Malerin war? Nein, es musste Zufall gewesen sein. Sie war noch nie in dieser Pianobar.
Sie hatte tausende Menschen gesehen in ihrem Leben, sah jeden Tag neue und alte Gesichter, doch warum nur
konnte sie ausgerechnet sein Gesicht nicht vergessen? Warum war diese flüchtige Begegnung allgegenwärtig?
Es war nicht alltäglich, dass jemand einen Zettel verlor und ihn auch jemand fand.
Seine Handschrift war klar und deutlich. Ohne Schnörkeleien.
Nein, in aller Eile geschrieben, war er sicher nicht. Also war es Zufall.
Es liess sie einfach nicht los. Sie hatte angefangen das Bild zu malen. Aber irgend etwas fehlte. Irgend etwas und sie wusste nicht einmal genau was eigentlich. Es war seltsam. Sie quälte sich damit. Manchmal träumte sie auch
und er stand im Traum auf der Brücke. Schrie dabei: "Eurer Leben ist doch nur Schein! Ihr glaubt
ihr liebt, dabei liebt ihr nur Haus, nur Geld und eure Versicherungen. Aber ihr liebt nicht das Herz! Und meines
kann ich euch nicht geben. Es ist ja schon tot, so wie eure verlogene Liebe. Schaut her- da seht ihr es-
lauter zerbrochene Herzen, lauter tote Herzen, zerbrochen an falscher Liebe und es gibt nicht einmal
ein neues Herz dafür." Er hatte seinen Mantel aufgerissen-ein riesiges Herz war zu sehen und darin noch einmal hunderte, die alle Risse hatten und dann zersprangen, so dass es laut klirrte.
"Und selbst wenn... wenn es einmal neu lieben könnte, so blieben Narben- wir sind alle Narbentiere.
Man lebt ja doch nur einmal als Narbentier des Lebens. Ich bin das grösste Narbentier und der grösste Narr der Liebe.
Ich hoffe, sie ist glücklich...ich hoffe
sie ist glücklich..."

Und sie, sie fühlte so eine Verbundenheit mit diesen Worten. Konnte es verstehen. War es das, was sie in seinen Augen sah? Im offenen Mantel? In seinen Blicken?

Hatte sie selbst nicht auch manchmal diesen Narbentierblick? Dieses Gefühl nach einer neuen Verletzung
sich zurückzuziehen, wie ein Tier in seinen Bau? Sind wir nicht alle irgendwo Narbentiere des Lebens, der Liebe?

Martin stand neben ihr: "Anna, wo bist du gerade mit deinen Gedanken? Ich muss gleich los. Möchtest du hier bleiben in meiner Wohnung oder zu dir rüber gehen?"
Anna wollte lieber gleich in ihr Atelier. Sie wollte dabei an der Brücke vorbei. Vielleicht... vielleicht...
fiel ihr dabei ein, was noch fehlte auf dem Bild.
Aber vielleicht lief sie heute auch einmal zur Hansengasse in die Pianobar.
Sie musste sich dazu durchringen.

Als sie an der Brücke vorbeikam, da blieb ihr das Herz beinah stehen, denn er stand da. Nur diesmal ohne Mantel, denn es war ja Sommer. Er stand angelehnt am Geländer und sah ihr entgegen.
Sie wusste nicht so recht, sollte sie weiterlaufen oder zurückgehen, sollte sie ihn ansprechen oder nicht?
Sollte sie ihm sagen, dass er einst den Zettel verloren hatte.
Er schien sie wiederzuerkennen und trat einen Schritt hervor. Sie blieb stehen.
"Haben Sie damals meinen Zettel gefunden? Warum sind Sie nie gekommen, in die Bar? Sie ist sehr schmuck, wissen Sie und seriös. Sie brauchten sich nicht zu fürchten. Sie steht ja auch im Veranstaltungskalender der Stadt."
Ihr blieb die Sprache weg.
"Wissen Sie, ich habe Sie sehr oft hier gesehen, habe Sie gesehen, wie Sie über diese Brücke geschlendert sind, und gegenüber Ihre Farben gekauft haben, habe Ihre Blicke gesehen, die so schön, liebevoll und doch auch voller Narben standen. Immer waren Sie alleine, schienen traurig. Und einmal dann, es war Winter,
da hatte ich meine letzte Liebe in meinem Leben verloren und es war mir einfach alles egal. Aber
dann kamen Sie wieder und ich wollte Ihnen meine Verzweiflung, dass ich mir geschworen hatte nie wieder zu
lieben, für Ihr Bild schenken, denn ich wusste, Sie würden mich malen, so oder so. Ihre Blicke waren viel zu tief,
als dass eine Malerin dies nicht festhalten würde. Darum mein kleiner Zettel, den ich schon vorher geschrieben hatte. Ich wollte Sie schon immer wieder sehen. Als eine Verbündete der Narbentiere. Nicht als Liebe.
Doch dann vermisste ich Sie eine ganze Weile. Sie kamen nicht mehr und ich verspürte eine Art Sehnsucht nach dieser Verbündeten. Können Sie das verstehen?
Wissen Sie. Narbentiere, das sind Aussenseiter. Unbeugsame.
Aber auch Verlierer der Liebe. Wir bekommen Narben im Herzen, wenn jemand Hunger leidet, wenn wir Elend sehen
und andere daran vorbeischauen. So sind wir. Und ich wusste von Anfang an, dass Sie dazu gehören."

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Aber es fing ganz plötzlich an zu regnen. Der Himmel zog sich zu und es wurde dunkel.
Sie standen beide schweigend auf der Brücke,im Regen, und schauten sich an.
Es war kein Zufall, dachte sie. Er kannte mich von Anfang an und nun wusste sie was auf dem Bild fehlte.
Es waren die Narben des Herzens.
"Habe ich recht?", frug er nach einer Weile. "Sind Sie mir nun böse? Bitte sagen Sie doch etwas. Ich wollte Sie ja nicht verschrecken."
Anna besann sich. Kam heraus aus diesem Blickerausch: "Ja, ja, Sie haben recht. Und jetzt küssen Sie mich. Danach werde ich gehen und das Bild fertig malen und es Ihnen bringen. In die Bar."

Er küsste sie. Es regnete immer noch und die Tropfen trafen ihre und seine Augen und liefen hinunter
zu den Mündern. Doch was war das schon in Angesicht dieser seltsamen Begegnung.
Und warum nur küsste sie ihn? Sie verstand nichts mehr.

Als sie im Atelier ankam machte sie sich an die Arbeit. Noch immer wie berauscht von ihm und seinen Worten.
Noch immer sich fragend warum sie ihn küsste. Es schien alles ein Chaos in ihr, das er ausgelöst hatte.
Sie malte wie eine Besessene und fiel völlig erschöpft abends in ihr Bett. Am nächsten Tag nahm sie das Bild
und lief zur Bar. Sie wartete bis zum Abend, wartete bis in die Nacht, atmete diesen ekelhaften Rauch ein, der sich durch alles zog, was ihm in den Weg kam. Sie sah, wie einer nach dem anderen betrunken wurde, wer mit wem hinausging und sie lauschte dem Pianisten, der nebenbei sein Glas leer trank. Doch er kam nicht.

Das Telefon schellte, beinah nicht zu vernehmen im Stimmengewirr. Dann reichte man ihr einen Zettel:
"Ich bin zu weit gegangen. Narbentiere, die keinen Platz mehr haben für kaputte Herzen sollten
nicht mehr küssen. Ich weiss, das Bild ist nun vollständig. Ich ziehe nun weiter..."
Sie stand auf, zahlte ihr Wasser und ging hinaus an die frische Luft.

Ab und an bekam sie Nachrichten von ihm. Sie waren meist abgegeben und wurden ihr übergeben, wenn sie ihre Farben kaufte oder sehr selten auch im Briefkasten ihres Ateliers.
Mal kam eine Postkarte aus London, mal eine aus Mexiko, mal aus New York. Er schrieb nicht viel. Nur, dass er an sie denken musste und an den Kuss und ob vielleicht, wenn er zurück käme, sie sich sehen könnten.
Er frug wie es ihr ginge und konnte es ja doch nicht erfahren.
Sie war froh, dass der kleine Laden für Künstlerbedarf dies tolerierte, aber schliesslich kannte sie ja auch Margit
recht gut, die Inhaberin.
Ja, vielleicht eines Tages, da würden sie sich noch einmal begegnen. Vielleicht, wenn sie eines Tages
über die Brücke lief...

B.M.N 2002



 

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