
Pfeil trifft Herz
" Ich werde gehen, Sanny. Gehen, weil ich dich so liebe und wir verloren sind. Oder bin ich nur verloren? Ich, deine Anna?
Unter dreitausend Sternen gibt es einen für mich? Ich werde ihn noch einmal küssen für dich.
Nein, ich..."
Immer wieder liest Lara diese Zeilen. Auf einer Bank unter einer Laterne und zwischen alten Lindenbäumen sitzend. Ein Blick ringsherum. Wilde Kamille wächst zwischen zwei Pflastersteinen, unter der Laterne. Und ein Löwenzahn. Lassen sich nicht unterkriegen. Auch nicht von solch riesigen Platten, die den Gehweg pflastern. Es ist eigentlich schon spät. Ab und an fährt ein Auto vorbei und die Scheinwerfer blenden ein wenig. Etwas kühl ist es. Eine Gänsehaut lässt alle ihre kleinen Haare auf den Armen abstehen. Sie steckt den Zettel kurz in ihre Hosentasche und nimmt ihren blauen alten Wollpullover vom Fahrrad, welches angelehnt unter der Laterne neben der Bank steht. Vom Feldweg, den sie zu dieser Stelle durchfahren muss, hängt etwas Schmutz am linken Ärmel. Ärgerlich versucht sie es abzuwischen. Zwecklos. Das nächste Mal also den Pulli nicht auf dem Gepäckträger. Auch egal - es sieht ja keiner mehr im Dunkeln.
Die Insekten tummeln sich am Licht. Flattern immer wieder gegen das Glas der Laterne. Scheinen nicht genug davon zu bekommen. Diese armen Dinger. Irgendwo zirpt noch eine Grille. Wetzt ihre Flügel über die Hinterbeinchen und erzeugt diese romantischen Töne dabei.
Bevor sie sich wieder auf die Bank setzt hört sie noch einen Hund bellen. Scheint ein kleinerer , der Stimme nach zu urteilen.
Heute morgen fand sie ihn, diesen Zettel. Schmutzig und etwas nass vom Regen letzter Nacht, lag er auf dem Gehweg. Die Schrift leicht verwischt. Von Tränen? Oder vom Regen? Vielleicht beides? Vielleicht schon bevor sie ihn wegschmiess oder ihn verlor?
Wieder eine, die sich verloren glaubt. In dieser gottverdammten Welt ist keiner sicher. Nicht Adam und auch nicht Eva. Pfeil trifft Herz- wen interessiert es dann schon ob es auch so sein soll? Der Liebesengel lacht sich vielleicht ins Fäustchen...:" Oh, Verzeihung- ich hab' doch leider falsch gezielt. " Und flattert grinsend davon.
Kühle, beinah herbe Nächte, verdammtes Mondscheingetummel. Heute interessierte sie nicht die Schönheit der Sterne.
Sie nimmt den Zettel und überlegt. Was könnte hinter:
"Nein, ich..." stehen? Was sollte da stehen? Warum schrieb sie ihn nicht zu Ende, diesen Satz?
Armes Ding. Irgend so ein Schuft wahrscheinlich, den sie liebt. Oder vielleicht eine ganz andere Geschichte? Heisse Liebe- von beiden mit Hindernissen? Wer weiss schon in diesem Spiel wer wann und was verspielt? Wer gewinnt?
Lara nimmt ihren Stift, den sie immer dabei hat. Egal wohin sie geht. Könnte ja sein, ihr fällt irgend etwas Wichtiges ein. Mit schnörgelnder Schrift schreibt sie unter die Zeilen der Unbekannten :
......
Wie sehr ich dich liebe, das wirst du nie erfahren. Hab es ja immer gut kaschiert. Du weißt nur, dass du mir nicht gleichgültig bist. Das da etwas ist- mehr nicht. Ich hab' geschummelt.
Verdammt, hast du es nicht gemerkt, meine tausend Widersprüche? Ich bin nicht so, sonst. Nur dieses Gefühl zu dir nahm mich so wunderbar ein und ich...- irgendwann musste ich es mir selber eingestehen- die Liebe zu dir....
Morgen oder irgendwann, heute - verdammtes Sehnsuchtsgefühl . Ich will weg. So wie diese Zettelschreiberin. Wo ist sie heute?
Wo gehe ich hin? Afrika, Indien? Was weiss ich.
Telefon? Erreichst du mich noch ? Zuckersüsser, ich könnt dich immer noch an jeder Stelle deines Körpers fressen- deine Ohren küssen, durch deine Haare fahren, an deinen Zehen knabbern- die Erdbeere in deinem Bauchnabel steht dir so gut- in Gedanken. Ich sehe genau wie du wieder rot wirst. Und ich liebe es, wenn du verlegen wirst. Freches und aufmüpfiges Hirn. Mein geliebter kluger Geist.
Lara.
Geschrieben unter diese Zeilen. Auf dieses verwischte Stück Papier.
Sie wirft es in die Luft- irgendwohin. Vielleicht findet es ja jemand- vielleicht eine, die diesen Liebesengel federn und teeren möchte.