
Nimm den Hut ab, Charlie...
Aus einem alten klapperigen Haus, erbaut vor 200 Jahren, dröhnt ein Lied durch die heisse, stickige Luft. Es ist Sommer. Hochsommer. Und es ist trocken. Seit Wochen hat es keinen Tropfen geregnet.
Vorbeifahrende Autos wirbeln den Staub der Strasse direkt in die Gesichter. Ein alter Mann hustet und zieht an seiner Zigarre, während er mit seinem Stock auf der Strasse herumkratzt.
In dem noblen Haus neben dem Zigarrenladen schlägt ein grüner Fensterladen gegen die Mauer und Ellen, Mitte 50, brüllt den letzten Wunsch zu ihrem Gatten, der gerade verlegen in sein Auto einsteigen will.
„Vergiss die Torte nicht, Harry,...die Torte, du weißt welche ich mag!“ Zwei Damen schütteln mit dem Kopf, während sie mit ihren Taschen hin und her schlenkern und schliesslich in die Gaststube einkehren.
Harry würde alles tun für seine Frau. Alles. Darum darf sie noch nicht einmal das Haus verlassen. Sie ist eine Gefangene ihrer Träume,denn Harry ist reich. Leider sieht er auch seine Frau als sein Eigentum. Der goldene Käfig, der zerdrückt und wäre da nicht Bode. Bode, der Schriftsteller ohne Erfolg. Bode, der tausend Skripte in seinen Schubladen hat, aber nie veröffentlichte, weil er sie nicht gut genug findet. Aber Ellen liebt seine Geschichten. Und er liebt Ellen. Alles an ihm schien sie zu lieben. Es schien für ihn sie sog ihn auf. Kostete jede Sekunde mit ihm aus. Ja, sie musste ihn lieben.
„Die letzte Sekunde deines Lebens... nimm den Hut ab Charlie, der Tod nimmt dich nur ohne Hut...“ dröhnt es durch die Strasse aus Bodes Zimmer. Dieser alte Song dröhnt weiter und es rauscht schon mächtig durch die Lautsprecher. Der alte Mann mit der Zigarre schaut bedächtig auf. Er erkennt das Lied und nickt vor sich hin. So als wolle er sagen: So ist es. Nimm ihn ab...
Was wisst ihr schon vom Leben, denkt Loranda.
Loranda sitzt unten auf der Strasse neben Backsteins Laden. Backstein verkauft noble Fußbodenbeläge, Stoffe und sonstige Inneneinrichtungen.
Das Leben, denkt sie, das dich brandmarkt und wenn es dir mulmig wird wie im Rauch der Zigarre, weil es dir wieder einmal
die Gewichte des Jammers auf die Zehen schmeisst. Plötzlich ist es still.
„Hey,Darling- wirf doch noch mal das Lied an...!“- brüllt Loranda zum Fenster des alten Hauses, in dem Bode wohnt..
Bode liebt Ellen. Sollte Ellens Mann jemals von der Affäre erfahren, wäre alles aus. Denn gegen diese Art der Macht könnte er nicht standhalten. Alles wäre aus. Aber er hofft, dass Ellen endlich den Schritt der Trennung geht und ihrem Mann zuvor kommt.
Aber sie muss es wollen aus eigenen Stücken. Aus Liebe zu ihm. Davon träumte er.
Bode schaut kurz hinunter zu Loranda.
„Ich hab es eilig... aber weil du es bist.“
Klar, denkt sie. Du hast es eilig.
Alle haben es eilig. Nur dieser alte Song, der bleibt ewig. Und eines Tages da nimmst auch du deinen Hut ab...
Am Abend sitzt Loranda in ihrem kleinem Zimmer und denkt über das Leben nach, über die Träume und den kleinen Nachtfalter, der sich an ihr Lampenlicht verirrt hat.
Der Falter der Träume spielt durch die Dunkelheit. Er hat sich in ihr Zimmer verirrt und schwirrt aufgeregt umher- an der Lampe, die kärglich ihr Licht wirft. Ein paar Mücken gesellen sich zu ihm.
Armer Falter... Das offene Fenster war seine Falle.
Was sind schon Träume? Mach dir doch nichts vor, denkt Loranda.
Dieser kleine Falter...für ihn ist das Glück vollkommen. Alles, was er braucht, ist da. Doch er weiss ja nicht, dass er bald stirbt. Falter leben nur kurz. So wie Träume...
Loranda nimmt eine Blüte aus Wachs in ihre Hand. Du musst hart sein in diesem Leben. Weichsein zerbricht dir das Herz. Absurd...nicht? Es ist eigentlich wichtig Gefühle zu zeigen. Weich sein-aber letzt endlich wirst du zertreten wie ein armer Käfer am Boden, der eigentlich nur ins Gras krabbeln wollte. Dafür beisst er dann ins Gras.
Du hast tausend mal deine Hand ausgestreckt, damit sie nicht ins Gras beissen. Manche haben es geschafft und kamen heil an im Gras. Andere leben nicht mehr. Die hatten es leider eilig- ohne Hut.
Durch die Nacht dröhnt wieder das Lied. Sie nimmt einen Hut aus der Garderobe-schwarz. Loranda hat ein Hutgesicht. Dazu eine schwarze Kleidung.
„Sag mir doch nicht, dass du mich liebst, Ellen.Es ist vorbei. Aus der Traum!“, brüllt von unten Bode. Loranda schaut hinunter. Bode ist betrunken. Seltsam denkt Loranda. Bode trinkt sonst nie.
„Mach die Lampe an“- brüllt Bode. Schau den Gefühlen ins Gesicht. Tag und Nacht, Darling, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Du glaubst du bist im Tag angelangt und die Nacht breitet sich über dir aus und erstickt Deine Falterträume. Glaub nur nicht, dass er schnell stirbt, der Traum. Langsam stirbt er. Langsam und quälend, bis er vom Licht der Lampe herunterfällt. Oder er verbrennt vorher an der Hitze. Kennst du diese Lampen, die alle kleineren Insekten verbrennen? Wie dumm...Sie verbrennen ihre eigene Träume. Nachtfalter, verstehst du. Nachtfalter sind so wunderschön, nur eben meist dunkel.“
Ja, denkt Loranda. Aber einen Vorteil hat das Ganze schon.Jeder Schmerz, der dich beinah verbrennt, der bringt dich auch weiter.
Sie hört, wie Bode ins Haus geht und die Haustür zuknallt.
Loranda fängt den Nachtfalter ein und gibt ihm die Freiheit zurück. Dann löscht sie das Licht und legt sich schlafen.
Doch dann fällt ein Schuss.
Mein Gott,denkt sie. Bode!
„ Boddeee....!“
Sie stürzt die Treppen hinunter, reisst voller Panik Bodes Haustür auf und rennt ins Wohnzimmer.
„Bode! Bode!“
Im Badezimmer findet sie ihn schliesslich mit einem Loch im Herzen. Seine Augen blicken an die weisse Wand. Auf seiner Stirn sitzen Schweissperlen.
Am Spiegel steht:„Er wusste alles. Von Anfang an! Ich war Dein Spielzeug. Nein, ich war euer Spielzeug. Er hat mir ins Gesicht gelacht.
Und ich hatte einen Traum. Ich war ein Träumer...Träumer unerwünscht. Das ist der beste Schluss meiner Geschichten! Nun schreibe ich ihn...Bevor du noch einmal mein Herz zerfetzen kannst, durchlöchere ich es selbst. Hey, vergiss nicht den Text einzutragen. Genau diese Zeilen. Und spiel noch einmal mein Lied: Nimm den Hut ab...
2002