Sternenkuppel, Sternenmoos und Lebenssterne
Der Spaziergang durch den Wald im Herbst und zwar bergaufwärts, war anstrengend aber schön,ruhig und voller Eindrücke. Schon lange hatte ich kein Sternenmoos mehr gesehen. Jenes Moos, welches aussieht wie ein kleiner grüner Teppich voller winzig kleiner Sterne, die sich erheben über ihre eigene, kleine Erde. Eigentlich meist über alte Baumstämme, die sie überzogen mit ihrem grünen Moosteppich.
An jener Stelle aber im Wald, nicht weit entfernt von der Burg Isenberg, und in der Nähe einer anderen Burgruine, fand ich es. Überall fand ich Pilze, verschiedener Sorten, sah ich kleine Bäumchen wachsen. An anderen Stellen, alte Baumstämme, die man liegenlassen hat und die so wichtig sind für Insekten. So stirbt etwas und gleichzeitig erwächst daraus etwas Neues.
Ich verbrachte ein Wochenende in der Nähe der Burg Isenberg. Diese Burg ist eigentlich eine Ruine, sorgfältig gepflegt, behütet und voller wunderschöner Eindrücke. Ich war begeistert und liebte sie vom ersten Augenblick, da ich den Waldweg entlang lief, an den alten Aussenmauern entlang, und den Eingang fand. Uralte Bäume standen vor mir. Jahrhunderte alt. Menschen, für Menschen, vielleicht Tod, Rache und Schicksale hatten sie überlebt; hatten sie überdauert. Alte Ausgrabungen lagen links und rechts von mir zum Betrachten. Im hinteren Teil befand sich der Bergfried. Ganz so belassen, wie er einst war.Nur, dass er zerfallen war im oberen Teil. Welch Anblick!
Ein Blick über die alten Mauern liess mich die Ruhr erkennen, die sich unten im Tal hindurchschlängelte. Nicht eingezäumt schien einer ihrer Seiten. An den Rändern hatten sich kleine Reste von Eis gehalten. Und das Weiss leuchtete im Kontrast zu den Hängen.
Der Wald, auf den man ebenfalls blickte, lag wie ein grosser Teppich mit Farbtupfern aus braun und gelb, zuweilen etwas grün, im Herbst. Plötzlich zerstörten laute Geräusche die Idylle.
Leider jagte man an jenem Tag gerade und die Schüsse hallten durch die sonstige Stille. Jeder dieser Schüsse vermieste mir meine Freude. Jeder Schuss knallte durch mein Herz hindurch. Mir war unwohl. Ich dachte an die Tiere, die jetzt wieder hechelnd um ihr Leben laufen mussten, die vielleicht gerade noch friedlich irgendwo ästen, oder nichtsahnend eine Lichtung überquerten.
Und dann schoss man kaltblütig in ihr Herz- knall-bum. Tot. So einfach löscht man Leben aus. Dann legt man sie Trophäe für Trophäe in Reih und Glied, um das ausgelöschte Leben zu betrachten. Ihr Blut noch warm, versickert in der Erde. Die Augen offen, starren in den Himmel. Das Fell sitzt voll Schweiss, noch voller Angst in den letzten sterbenden Minuten, hatten sich ihre Augen geweidet.
Noch einmal atmeten sie den Duft des Herbstwintersgemisch und des Lebens, zuckten noch einmal mit den Läufen, bevor sie zum letzten Mal ausatmeten. So liegen sie da.
Irgendwann wird man sie schlachten, ihnen vielleicht die Geweihe abtrennen, mit Kopf oder ohne werden sie vielleicht in den Stuben ihrer einstigen Jäger schauen, verdammt dazu auch noch dieses zu ertragen. Sie werden vielleicht in den Jagdhütten hängen oder über einem Kamin.
Ihren Rest des Körpers hat man aufgegessen. Ihr Herz, ihre Leber, ihr Muskelfleisch. Alles hat man gegessen. Als man sie aufschnitt pochte noch das warme Blut durch ihre Körper, noch lief das Blut durch ihre Adern, noch durchlief es ihre Muskeln. Die zubereiteten Hände der Menschen voller Blut. Sie höhlen die Körper aus, fassen hinein, holen Herz, Magen hinaus. Packen hinein in die Tierkörper.Das Blut tröpfelt hinunter an ihren Armen. Der schmale Hals des Rehes schaukelt an einem Haken. Die braunen, schönen Augen schauen stumm und anklagend.
Eines wurde vielleicht nur angeschossen. Es rettete sich auf einen schmalen Weg hinauf zu den Abhang. Es hetzte und hetzte, blutend, in Lebensangst. Das kleine Rehherz überschlug sich, krampfte sich zusammen. Der Tod war nahe. Das Reh wusste in Panik nicht wohin, rannte einfach nur. Die Blutspur verriet es und die Hunde hörte es schon. Dann steht es oben, am Abhang. Kaum noch lebend, eher schon tot. Dieses schöne, zarte Reh.
Es gibt kein Zurück, gibt keinen Weg nach links oder rechts, also springt es hinunter und knallt auf die Felsen auf, bricht sich das Genick. Auch dieses wird man finden und sich daran erfreuen.
Nein, ich wusste ja nicht genau, was gejagt wurde. Ich wusste auch nicht, ob diesmal eines nur angeschossen wurde, aber diese schrecklichen Gedanken waren da. Ich wusste nur, irgendwelche Tiere hatte man gejagt. Und sie würden so daliegen, wie es mir durch den Kopf ging. Man hat sie tödlich getroffen und wird sie nachher ausweiden. Man wird in ihnen herumwühlen und sie essen. Man wird ihre Köpfe abschneiden und manche aushängen als Trophäe.
Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich wieder hinab steigen musste. Ich hatte noch einen Termin.
Ich fuhr weiter, immer diese Schüsse in Gedanken. Ich fuhr in eine nahegelegene Sternenkuppel.