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 Reise in die bunte Wunderwelt

  1. Die Eule

     

"Wer bist du?"
Durch das kleine kärgliche Zimmer des kleinen Mädchens leuchtet ein buntes Licht und zaubert eine gemalte schöne Welt an die grauen Wände.
An der Tür steht gut sichtbar eine grosse Eule. So eine grosse Eule, so gross wie ein Mensch gibt es eigentlich nicht. Sie hat grosse, wache, nette und irgendwie verrückte Augen. Und jetzt dreht sie ihren Kopf und schnellt plötzlich mit ihren Flügeln in Richtung Lisas Bett.
Lisa zieht die Bettdecke über ihren Kopf. Ein unheimliches Gefühl durchzieht sie.
In ihrer Angst reibt sie sich die Augen. Sie musste doch träumen. Solche grossen Eulen gibt es nicht und es gibt auch keine Wunderwelt in ihrem Zimmer. Nur dieses Krankenblatt von den Ärzten, ein Fieberthermometer, ihren alten, braunen Kleiderschrank, ihr Bett und ihren guten Freund, den Teddy. Ihm fehlte schon ein Auge, aber das war Lisa egal. Einen neuen will sie nicht und dazu fehlte ihrem Vater auch das Geld.
Seit ihre Mutter gestorben ist, geht es ihnen schlecht und ihr Vater weint oft. Er versuchte es immer zu verstecken, aber Lisa hörte es, wenn alles still war und sie eigentlich schon längst schlafen sollte.
Arm waren sie schon immer. So wie die Eltern ihres Freundes Keks. Keks nennen ihn alle, weil er immer und überall seine Butterkekse mitschleppt. Keks ist nicht gerade schlank und er kann ziemlich laut schmatzen, aber Lisa macht das nichts aus. Er ist ein toller Freund, der immer zu ihr hält und mit dem sie schon manches angestellt hatte. Einmal hatten sie eine Tomate zwischen die Tafel geklemmt und als die Lehrerin sie öffnete, um daran zu schreiben, fiel sie ihr in den Ausschnitt. Die ganze Klasse lachte. Keks und Lisa bekamen eine Strafarbeit.

Lisa hat Mühe unter der Bettdecke zu atmen. Die Luft wird immer weniger, also bohrt sie sich ein kleines Fenster in die Bettdecke, hält ihre Nase daran, dann den Mund und schliesslich ein Auge.
Die Eule ist weg. Das Zimmer ist immer noch bunt. Aber die Eule ist weg.
Lisa atmet auf. Sicherheitshalber zwickt sie sich selbst in den Arm, um zu merken, ob sie immer noch träumte oder jetzt doch wach war.
Mit einem Satz wirft sie die Bettdecke nach oben... und wundert sich, warum sie oben hängen bleibt. Die Bettdecke hängt an der Decke. Nein, sie hängt... sie klebt... Lisa erschrickt... sie hängt an der Eule, die jetzt frech ihren Kopf zu ihr hindreht, blinzelt und " Kuckuck... auch wenn ich eine Eule bin", sagt.
Lisa kann sich nicht rühren und spürt wieder diese Schmerzen in ihrem kleinen Herz. Dieses Herz war krank. Na und, dachte Lisa oft. Das kann doch jeden mal erwischen. Und darum versteht sie nicht, warum ihr Vater sie nicht aus dem Bett lässt und sie immer so bekümmert anschaut. Und warum sagte er einmal zu ihrer Tante, dass sie nichts wüsste? Was wusste sie denn nicht? Erwachsene können sehr komisch sein!

" Kuckuck. Kuckuck....Lisa, willst du nicht ein bisschen mit mir träumen? Du hast einen Traumwunsch frei. Wünsch dir etwas!"
Lisa schluckt.
" Willst du nicht mit mir fliegen? Ich zeige dir eine wunderschöne und lustige Welt. Komm, steig auf! Hab keine Angst, ich bin dein Freund."
Jetzt wollte es Lisa wissen. Traum oder nicht?
Sie fasst allen ihren Mut zusammen und nickt der Eule zu.
" Na komm... steig auf und halt dich fest. Und schon geht es los."
Lisa steigt auf und klammert ihre Arme um den Hals der Eule. Weich und kuschelig, auf dem Rücken der Eule, geht die Reise los.

Das Fenster springt von alleine auf und seltsamerweise wird ihr nicht einmal kalt. Der Himmel ist voll getupft mit Sternen und der Mond schien ihr freundlich zuzulächeln.
" Halt dich gut fest, Lisa! Jetzt geht es in die bunte Wunderwelt! Nur Kinder können dahin. Erwachsene sehen sie nicht mehr. Denn um sie zu sehen, muss man an Wunder glauben, an grosse Eulen wie mich und an Toppels!
Oh, du weisst ja noch nicht was Toppels sind, nicht wahr? Warte nur... du wirst viele neue Freunde finden! Aber achte auf die Zuppels! Sie wollen die Wunderwelt für immer zerstören!"
Lisa nickt.
" Wenn es soweit ist, werde ich dir ein Geschenk geben. Ein Geschenk, das du noch gut brauchen wirst...!"
Sie flogen durch eine Art bunter Zuckerwattewand und als das geschah, hatte Lisa plötzlich ein blaues mit vielen Schlüsseln behangenes Kleid an.
" Was ist das?"
" Du wirst die Schlüssel brauchen. Es gibt viele Abenteuer, Lisa. Und ich brauche deine Hilfe!"



Teil II

Die seltsame Uhr, die die Tagträume macht

Sie flogen lange. Lisa dachte, es wäre vielleicht einer jener unendlichen Flüge, von denen ihr Vater ihr erzählt hatte. So einen Flug gibt es nur in den Träumen oder wenn man ganz gehen muss von der Welt, so, wie ihre Mutter. Ihr Vater hatte ihr erzählt, dass man dann unendlich lange fliegt, zu den Planeten, zu den Sternen und sich sogar am Tage nahe an die Sonne traut.
Dann ist alles unendlich und wird weder älter noch jünger. Manchmal wird man zu einem Stern und leuchtet für die guten Träume in der Nacht.
Darum schaute Lisa nachts ganz oft zu den Sternen hinauf. Besonders, wenn sie ihre Mutter sehr vermisste.
Aber sie träumte ja nicht, oder doch? Nein, sie hatte sich gezwickt und war wach.
Also war alles echt und sie flog auf einer Eule durch das bunte Wunderland.
Unter ihnen sieht sie eine seltsame Hügellandschaft. Ganz so, wie sie einmal eine gemalt hatte im Unterricht. Die Hügel sahen aus, wie mit Sternenstaub bestreut, glitzerten und funkelten.Sie waren beinah so gross, wie ein Vulkan. Aber noch viel schöner anzusehen.
An den Rändern sassen lustige, kleine Wesen, die ihnen zuwinkten. Ansonsten war alles ringsherum mit Gras bewachsen und überall blühten Blumen, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte. So viele bunte, leuchtende Farben und dann wieder sah sie Blumen, die so schön waren, dass sie eine tiefe Freude darüber verspürte, die sie vorher nicht kannte.
" Siehst du, Lisa, das Universum ist zwar unendlich, aber Phantasie und Träume sind grenzenlos. So, wie deine Kreativität, wenn du ein Bild malst. So ist auch das bunte Wunderland, das die Kinder brauchen und es braucht die Kinder, sonst kann es nicht überleben. Hier gibt es alles, was sich Kinder erträumen, sogar einen Matschplaneten. Keinen stört es da, wenn du schmutzig wirst!"
Lisa staunte.
" Einen Matschplaneten?"
" Schau, da unten, Lisa! Das sind die Toppels.Sie warten schon auf uns."
Die Eule flog nach unten und landete sanft in der Nähe eines der grössten Hügel.
Sofort kamen zwei Toppels und stellten sich neben die Eule. Sie waren viel kleiner als sie selbst.
" Kuckuck! Da bist du ja endlich!"
"Lisa! Das sind Lölö und Pülü."
Lisa besah sich die Toppels. Sie hatten grosse Ohren, eine lange Nase, dunkle, kleine Knopfaugen, hatten braunes Fell und trugen einen Schlüssel um den Hals.
" Kuckuck! Als du wegwarst waren die Zuppels hier und haben Rülrül mitgenommen! Sie haben alle Schlüssel gestohlen! Du musst uns helfen!"
" Warum sagen sie immer Kuckuck zu dir?"
" Weil ich so heisse, Lisa! Ich heisse Kuckuck. Du darfst auch lachen! Darum heisse ich als Eule ja so, damit die Kinder lachen dürfen! So ist das bei uns. Eine Eule, die Kuckuck heisst. Bei uns ist vieles verdreht. Wenn ich dir nachher den Mondkrater zeige, wirst du sehen, das er sprechen kann. Er ist der Weiseste und hat einen ziemlich langen Bart, über den man stolpert, wenn man nicht aufpasst. Und wenn es doch passiert, dann muss er niesen, so dass sein Bart ihm um die Ohren und vor die Augen weht und er dann weder etwas hört, noch sieht. Dann fragt er nach seiner Brille... tztztz... dabei braucht er nur seinen Bart aus den Ohren und von seinen Augen zu nehmen.
Findest du das nicht komisch?" Die Eule macht ihre Augen auf und zu und verdreht sie dann.
Lisa kann sich nicht länger halten und muss lachen. Sie lacht und lacht. Wie gut das tut!
Seit Keks nicht mehr so oft zu ihr durfte, weil sie krank ist, hatte sie weniger gelacht.
" Flieg zuerst zur seltsamen Uhr! Frage sie, wohin die Zuppels Rülrül gebracht haben!"
Die seltsame Uhr hat weder Pendel noch Zeiger. Sie stellt ihre Zeit so, wie es ihr passt und bringt so die Tagträume für die Kinder.
" Flieg zu ihr und bitte sie die Zeit so zu stellen, dass man sehen kann, wo unser Freund Rülrül ist. Bitte sie, die Zeit zurückzudrehen! Schaut dann auf ihren Spiegel neben ihrer Nase! Da werdet ihr alles sehen. Beeilt euch! Hoffentlich haben sie sie nicht zerstört! Was soll dann werden? Die Kinder können nie mehr am Tage träumen. Welch Unglück! Welch Unglück!Beeilt euch! "
" Wofür sind die Schlüssel an meinem Kleid, Kuckuck?"
" Später Lisa, später... alles kommt zu seiner Zeit. Jetzt fliegen wir zur seltsamen Uhr!"
" Deswegen träume ich auch am Tag? Die seltsame Uhr... Und ich dachte immer, Kinder sollen nicht träumen! Alle sagen das immer! Träum nicht, Lisa!
Und was ist die Unendlichkeit, Kuckuck? Werde ich sie sehen?"
" Das wirst du... und du wirst vieles mehr sehen, Lisa! "
Die Eule nahm Anlauf und fliegt weiter. Lisa hält sich wieder fest.

Die Spiegelwelt

"Jetzt beginnt unser erstes Abenteuer, Lisa.!"
Unter ihnen liegt zuerst ein bunter Wald. In Lisas Nase zieht ein süsslicher Geruch. Die Eule fliegt etwas tiefer und nun kann sie sehen, dass es ein Wald aus lauter Zuckerbäumen ist.
" Das ist der Zuckerbaumwald. In der Mitte des Waldes liegt ein Zuckerhut und aus diesem Zuckerhut fliesst die Nahrung für die Tiere in diesem Wald. Sie alle leben davon. Alle Tiere des Waldes sind aus Zucker und leben doch. Darum darf man sie nur anschauen, aber nicht berühren. Wird nur ein Zweig abgebrochen stirbt auch der ganze Baum. Alle Kinder, die schon hier waren, haben so gelernt, dass man behutsam damit umgehen muss. Das alles so schnell nicht mehr existieren kann und für immer verschwunden sein kann.
Aber nun fliegen wir zur Spiegelwelt. Schau dich nur um, Lisa."
Nach einer Weile fing alles an seltsam zu leuchten, zu glitzern und dann sah sie sich plötzlich doppelt. Aber das war nur der Anfang.
" Von nun ab, müssen wir sehr vorsichtig sein mit dem was wir sagen, tun und wollen! Auch mit unseren Wünschen, Lisa! Denn die Spiegelwelt zeigt uns alles vor, was in unserem Herzen und in unserem Verstand ist. Nichts geht hier verloren. Kein schlechter und kein guter Gedanke, kein Wunsch und kein Wort, alles kommt zurück. Jetzt müssen wir zu dem seltsamen Spiegel fliegen..."
"Bedeutet das, dass ein schlechtes Wort zu mir zurückkommt? Und die Wünsche, die man im Herzen hat? Und was ist mit den Gedanken, die ich nicht sage?"
Lisa denkt angestrengt nach. Ein wenig fürchtet sie sich jetzt, denn sie hat ja doch den einen oder anderen Wunsch und wenn sie ehrlich ist, dann hatte sie manchmal auch Wut auf andere Kinder, die Keks ärgerten, weil er so dick ist.
" Lisa, die Spiegelwelt sieht, hört und erkennt alles... Aber füchte dich nicht, denn ich weiss, dass du ein gutes Herz hast. Du brauchst keine Angst zu haben."
Die Eule fliegt langsamer. Etwas müde ist sie und ausserdem muss sie Ausschau halten nach den Zuppels.
" Ein wenig fürchte ich mich, liebe Eule!"
Plötzlich hört sie ihre Worte wieder und wieder... und sie sieht ihre Angst, die sich spöttisch widerspiegelt in dieser merkwürdigen Welt. Lisa sieht in diesem Spiegelbild genauso aus, wie sie sich wirklich fühlt- ängstlich und nur das war auch zu sehen.
" Hier gibt es keine Lügen, Lisa! Weisst du, manche Erwachsene würden es hier nicht aushalten, sie würden verrückt, weil sie sich ständig so sehen würden, wie sie wirklich sind. Alles Schlechte würde ihnen ständig vor Augen gehalten. Dabei gibt es zudem noch grosse und kleine Spiegel, die dich so zeigen wie du sein möchtest und auch was du für Wünsche hast. Ich brauche die Spiegel nicht. Ich weiss was du dir wünschst.
Leider wird alles sichtbar gemacht, auch deine Angst. Fürchte dich nicht, es ist nur dein Inneres.
Du wirst sehen, wie schrecklich die Zuppels hier aussehen, weil sie böse sind.
Aber niemals geben wir die Hoffnung auf, dass sie eines Tages doch friedlich mit uns in einer Welt leben- in unserer bunten Wunderwelt und sie nicht mehr zerstören wollen.
Der Herr über diese Spiegelwelt ist der seltsame Spiegel. Er kann die Zeit zurückdrehen, oder anhalten oder weiterdrehen. Und er kann dir die Unendlichkeit zeigen, Planeten, Sonnen und Meere oder Tiere. Alle deine Träume weiss er auswendig,alle, die du je geträumt hast, am Tag, alle deine Wünsche und deine Sorgen. Siehst du Lisa, darum müssen wir zu ihm. Er ist sehr wichtig. Wir müssen ihn beschützen und ihn nach dem Toppel befragen. Denn jeder hat hier eine Aufgabe. Auch dieser Toppel. Er muss zurück um den grossen Hügel mit Sternenstaub zu bewässern. Nur so wachsen auch die vielen bunten Blumen, die du gesehen hast. Darum sind sie so wunderschön und voller Zauber. Nur, wenn die Blumen wachsen, können auch Toppels überleben, denn von ihrem Honig leben sie. Sonst müssen sie verhungern und die Hügellandschaft ist für immer verloren.
Nun möchte ich dir auch sagen für was du die Schlüssel brauchst.
Jede Welt hat einen Schlüssel. Die Hügellandschaft, und die Spiegelwelt, die Welt des Mondkraters und alle anderen, die du noch sehen wirst. Diese Schlüssel sind das Herz unserer Welt. Nur, wenn wir den Schlüssel zur jeweiligen Welt haben kommen wir hinein und heraus zu anderen Welten und in eure Menschenwelt. An Deinem Kleid sind so viele Schlüssel, wie du brauchen wirst um mit mir durch diese Welten zu fliegen, die schon ohne Schlüssel sind. Siehst du? Wir waren schon in der Hügellandschaft, jetzt sind wir in der Spiegelwelt...Du hast zwei Schlüssel weniger an deinem Kleid! Schau nur...Zähl nach...
Nur durch dich ist es möglich, dass du uns helfen kannst. Du hast so ein gutes Herz, dass die Federfrau zugestimmt hat. Sie hat uns dein Schlüsselkleid geschaffen, dass uns alle fehlenden Schlüssel ersetzt, die die Zuppels schon gestohlen haben."
Lisa versteht zwar alles, aber es ist ihr doch irgendwo auch zuviel. Darum nickt sie nur.

Nach einer Weile fliegt die Eule plötzlich sehr seltsam. Hoch und runter. Lisa wird ganz schwindelig, da sie ja auch alles in vielen Spiegel gleichzeitig sehen kann. Seltsam nur, dass sie ausgerechnet nicht die Augen der Eule sieht.
Sie rutscht etwas weiter nach vorne und bemerkt dabei, dass die Eule eingeschlafen ist. Nicht nur das- nein. Lisa sieht in der Ferne auch einen grossen Turm.
" Eule...Eule...Kuckuck!, Lisa flüstert zuerst nur. Aber Kuckuck rührt sich nicht, sondern der Berg-und Talbahnflug geht weiter. Sie schaut nach unten. Es ist schlimmer als eine Achterbahn...
" Kuckuck! Wach doch auf...Da ist ein grosser Turm vor uns! Und wenn du deine Augen nicht aufmachst fliegen wir bald dagegen!"
Nichts...Die Eule schläft.
Im Fluge schlafen, wer hätte das gedacht?
Jetzt reicht es Lisa. Sie zupft an einer Feder der Eule.
" Jaja...holla...bolla...lustig ist die Seefahrt" Die Eule fängt an zu singen und verdreht dabei die Augen.
" Eule...Eule, so wach doch auf!"
" Was ? Was? Land an Bord! Alle Seemänner über den Mast!"
Dann bremst sie den Flug in der Luft ab und ist endlich wieder wach.
" Ja, was ist denn...wo bin ich?"
" Du hast geschlafen..."
" Ach du Schreck, Lisa...Ich hatte einen Seemannstraum. Ich war der Pirat mit einem Bein und ich hatte furchtbaren Mundgeruch."
Lisa muss lachen.
"Da ist ja schon der Turm! Jetzt wird es spannend, halte dich fest! Wir fliegen nach unten!"
Und schon ging es los. So, als wenn nichts gewesen wäre.
Je näher sie dem Turm kamen, um so kleiner wurde er. Es war äusserst seltsam. Wieso wird etwas kleiner, je weiter man daran herankommt? So etwas gibt es nicht!
" Ach, Lisa...ich sehe was du denkst. Hast du vergessen, dass wir in der bunten Wunderwelt sind? Weisst du, wie der Turm entstand? Ich will es dir erzählen.
Eines Tages träumte ein kleines Mädchen. Leider mitten im Unterricht, so dass es mächtig Ärger bekam. Du weißt ja, dass Erwachsene es nicht mögen, wenn Kinder am Tag träumen. Sie verstehen die Phantasien der Kinder nicht. Die meisten grossen Leute haben alle Phantasien verloren und erinnern sich nicht mehr daran, wie sie selbst einmal klein waren und wie schön es war zu träumen. All diese Geschichten, die durch einen kleinen Traum entstehen. Sie haben vergessen, wie es ist, sich etwas zu wünschen, was nichts kostet. Ein Traum kostet nichts. Aber die Erwachsenen denken immer nur was etwas kostet und ob man etwas dafür bekommt.
Ach, es ist ein Jammer! Sie haben vergessen, wie sie einst dagesessen haben und sich in eine Welt voller Frieden, Liebe und Freiheit hineinträumten. Wie sie im Traum auf Wolken sassen oder in die Sterne sahen und zum Mond, wie sie sich wünschten einmal selbst zu den Sternen zu fliegen, um die anderen Planeten zu besuchen. Ja, es ist ein Jammer, Lisa. Da siehst du, was wirklich glücklich macht. Und schau nur, wie friedlich und glücklich ein Kind aussieht, das gerade träumt. Besonders siehst du es, wenn ein Kind ein Bild malt. Mit so viel Liebe wohnen sie in ihren Märchenschlössern, in einer Mondrakete und in der bunten Wunderwelt."
" Ja", sagte Lisa. " Ich weiss. Es ist so ein herrliches Gefühl zu träumen."
" Ja, siehst du und so kam es, dass dieses Mädchen in jener Stunde von einem Turm träumte, der anstatt immer grösser zu werden, je näher man ihm kommt , immer kleiner wird. Seitdem dieses Mädchen diesen Traum hatte, steht dieser Turm hier im Wunderland. Nicht dass es das sonst wirklich gäbe, nein, nein. Aber hier, hier ist alles möglich. Du wirst sehen, wenn wir da sind, ist er so klein, wie ein Grashalm."
Lisa ist müde. Aber um zu schlafen ist alles viel zu aufregend. Aber es ist doch alles nur ein Traum, dachte sie sich. Ich träume mir diese Geschichte.
Jetzt waren sie so nah am Turm, dass er nur noch so gross wie eine Hund war, dann wie eine Katze... und schliesslich war er kaum noch zu sehen. Als sie darüber hinwegflogen, drehte sie sich um und sah, wie der Turm wieder grösser und grösser wurde.
Donnerwetter!, dachte sie. Ob vielleicht auch irgendwo in dieser Welt ein Traum von ihr aufbewahrt ist?
" Ist es...ist es!, sagte Kuckuck.
" Woher weißt du?"
" Wir sind immer noch in der Spiegelwelt, Lisa. Du weißt doch, hier bleibt nicht verborgen..."
" Und warum konnte ich dann nicht sehen, dass du geschlafen hast? In den Spiegeln, meine ich."
" Das erkläre ich dir später. Jetzt sind wir bald am seltsamen Spiegel. Und da heisst es aufpassen. Hast du eine Frage an den seltsamen Spiegel? Überleg es dir. Vielleicht kann der Spiegel dir eine Antwort geben."
Doch, doch. Fragen hat Lisa mehr als genug. Aber welche war die Wichtigste? Wieso gehen Kokosnüsse so schwer auf, warum lachen Erwachsene so wenig, warum haben sie immer recht und woher kommt die nächste Sternschnuppe? Wie wäre es auf dem Mond zu wohnen oder ein Haus auf einem Stern zu haben? Wieso rennt der Hund Flecki immer dem Postboten hinterher, obwohl der gar nichts gemacht hat.
" Hör auf dein Herz, Lisa!"
Dann flogen sie wieder ohne zu reden. Lisa grübelte ohnehin, was sie fragen sollte. Weil da doch so viel war, was sie wissen wollte. Aber sie versuchte in sich zu lauschen. Ja, das war eine schwierige Aufgabe. Aus hunderten von Fragen nur eine einzige herauszusuchen. Eine einzige, die wichtiger war, als alle anderen. Aber was ist überhaupt wichtig? Wieso ist etwas wichtiger als etwas anderes?
" Mach dir keine Sorgen. Du wirst es wissen, wenn wir da sind. Ruh dich jetzt aus. Schlaf noch ein wenig."

Lisa aber will sich nicht ausruhen. Wie kann sie auch? Sie muss doch nachdenken. Muss doch die wichtigste Frage finden.
Vielleicht weiss ja der Spiegel wieso die Erwachsenen immer so schnell sicher sind und urteilen? Wieso ist es bei den Erwachsenen immer wichtig, was jemand hat, was er ist, wie alt er ist, woher er kommt und wieviel Geld er verdient?
Wieso sehen manche Erwachsene nicht über Grenzen und warum legen sie so viel wert auf Blumen in ihre Vase, wo sie doch draussen noch nicht einmal eine Butterblume bewundern? Wieso sagen sie Unkraut zu den schönen, bunten Blumen, die doch mit so viel Liebe für uns blühen.
Komisch, findet Lisa. Die Grossen reden immer von Liebe. Aber Liebe ist doch im Herzen und warum ist es dann wichtig wieviel jemand verdient?
Und überhaupt, wieso fragen sie nicht zuerst was jemand gerne mag, oder was jemand fühlt, ob der andere das Meer liebt oder die Sonne. Warum ist nicht das wichtig, was doch am Wichtigsten sein müsste? Jetzt glaubt Lisa, die wichtigste Frage gefunden zu haben.
Warum ist nicht das wichtig, was doch am Wichtigsten sein müsste?
Jetzt merkt sie doch, wie ihr die Augen zufallen. Natürlich versucht sie sich dagegen zu wehren, denn alles ist so interessant, aber es hilft nichts. Sie schläft ein.
Kuckuck merkt es und nickt zufrieden. Ja, so ist es gut...

Als Lisa erwacht fühlt sie sich ausgeruht. Sie hatte mindestens 5 Stunden geschlafen, denkt sie.
" Nein, Lisa, du hast gerade mal 1 Stunde geschlafen."
" Eine Stunde?" Lisa kann es nicht fassen.
" Es kommt mir aber so vor, als wenn ich 5 Stunden geschlafen hätte."
" Weißt du Lisa, die Zeit ist in jeden selbst, so wie die Liebe. Wenn du grösser wirst, wirst du die Zeit ganz anders sehen. Erwachsene haben nie Zeit, Kinder schon. Oh, die Liebe, Lisa...die Liebe. Sie ist etwas Wunderbares. Doch schau, wir sind gleich am seltsamen Spiegel. Halt dich fest, ich fliege nach unten.
Lisa schlingt ihre Arme und den Hals der Eule und schon geht es los.
Schon bremst Kuckuck ab und rutscht mindestens fünf Meter mit ihren Füssen am Boden entlang, bevor sie endlich anhält. Eine riesige Staubwolke wirbelt ihnen hinterher und Lisa muss husten.
" Verzeihung, Gnädigste! Das war eines meiner Start-und Landemanöver...!"
" Ach so"., sagt Lisa. " Aber brennen dir nicht deine Füsse? Es muss doch weh tun, wenn man so über den Boden rutscht und abbremst."
" Aber nein, Lisa. Siehst du ich habe eine Bremsschule mitgemacht. Wir mussten den ganzen Tag fliegen und abbremsen. Was meinst du, was das für Staubwolken gab? "
" Aha", sagt Lisa, denn mit einer Bremsschule kann sie nichts anfangen.
" Steig jetzt ab und gehe mit mir noch die paar Schritte zum Spiegel."
Lisa tut was die Eule sagt. Dann kann sie auch schon erkennen, dass etwas glitzert. Immer wieder anders, so, als wenn sich jemand in einem Glitzerkleid hin und her drehen würde.
Nach ein paar Metern stehen sie vor dem seltsamen Spiegel. Es ist eigentlich unbeschreiblich, aber dieser Spiegel scheint so lebendig. Ja, man könnte es gar nicht erzählen. Aber der Spiegel selbst dreht sich hin und her. Er ist ziemlich gross. Ungefähr so gross wie ein kleines Haus. An seinen Rändern sitzen verschiedene Gesichter. Ungefähr 20. Jedes von ihnen kann nur ein Gefühl ausdrücken. Eines kann zum Beispiel nur lachen, ein anderes nur traurig sein. Und ganz oben auf der linken Seite ist eines, dass nur frech sein kann und die Zunge herausstreckt.
Je nachdem wie es dem Spiegel geht, zeigt er sein Gesicht. Der seltsame Spiegel ist wirklich seltsam.
" Ach, nein...Schaut doch mal. Bin ich nun zu dick oder zu dünn? Ich kann mich drehen und wenden, ich sehe mich immer anders. Mal dick mal dünn, je nachdem wie ich mich drehe. Es macht mich noch verrückt." Es macht einen gewaltigen Krach, wenn der Spiegel sich hin und her dreht und eine gehörige Portion Wind wirbelt jedesmal herum.
Dann hält er plötzlich inne und schaut zur Eule und dem kleinen Mädchen.

 

        
 

" Da seid ihr ja endlich. Ich habe euch schon erwartet. Wie ihr wisst, kann ich alles sehen. Ich weiss, dass du während des Fluges geschlafen hast, Kuckuck!
Und du, kleines Mädchen, du hast jetzt eine Frage an mich.
Und dann ist Lisa plötzlich so seltsam zumute. Sie hat ja die Frage, aber was, wenn es doch die Falsche ist?
Nein, nein. Nur Mut denkt sie.
" Warum ist nicht das wichtig, was am Wichtigsten sein müsste?"
" Potzblitz! Das ist eine sehr gute Frage, kleines Mädchen! So eine Frage habe ich seit Jahrhunderten nicht mehr gehört! Einmal war Einstein hier. Er war so alt wie du, Lisa. Einstein träumte nämlich auch sehr gerne und er hat mich gefragt, wieso kann man den Mond nicht einholen, wenn man in einem Zug sitzt. Eigentlich müsste der Zug ja irgendwann am Mond vorbei fahren. Aber man sieht den Mond immer mit sich fahren.
Ein anderes Mal hat mich jemand gefragt, wieso das Wasser nicht auch so rund ist, wie die Erde. Und eigentlich müsste doch auch ein See gebogen sein.
Das war auch sehr gut. Und es ist wirklich so. Man kann es zwar nicht sehen, aber das Wasser ist nicht gerade.
Nun zu deiner Frage."
Das nachdenkliche Gesicht am Rahmen zeigt die Anstrengung des Spiegels. Zwischendurch sagt er immer wieder: Ahh...und Ohh...
Das dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Als er plötzlich mit seinem lachenden Gesicht lachte.
" Ich habe es! Es ist nicht das wichtig, was am Wichtigsten sein müsste, weil die Menschen es nicht erkennen. Man muss mit dem Herzen erkennen!"
" Du hast recht, Spiegel." Die Eule war sehr beeindruckt.
Und Lisa musste erst noch ein wenig darüber nachdenken.
" Nun, Spiegel, werden wir weiter fliegen. Wir müssen zur seltsamen Uhr. Und dabei werden wir am Mondkrater vorbei kommen und beim Sternenmaler. Wir danken dir sehr."
" Halt, noch nicht. Jetzt müsst ihr mir einen Gefallen tun. Sagt mir, ob ich dünn oder dick bin!"
" Naja. Es scheint du bist beides. Einmal dünn, einmal dick. Das liegt daran, weil du dich ständig drehst. Wenn du damit aufhörst, kannst du selbst entscheiden, was du sein willst. Dünn oder dick."
" Oh, ich danke dir, Eule! Und wünsche euch eine gute Reise."
Lisa steigt wieder auf und die Reise geht weiter.

Der Sternenmaler

Über ihnen breitet sich plötzlich Dunkelheit aus. Zuerst sieht es so aus, als wenn bald ein mächtiges Gewitter aufbrausen würde. Doch dann fängt am Himmel erst ein Stern an zu leuchten, dann zwei, dann drei. Jedesmal, wenn Lisa hinauf schaut zählt sie einen Stern mehr. Bis sie schliesslich den Überblick verliert und damit aufhört. Es war ein wundervolles Bild, dieser Sternenhimmel. So nah sind sie, die Diamanten des Himmels. Beinah zum greifen nah.
Lisa streckt die Hand aus. Es ist beinah so, als wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Stern richtig anfassen kann. Immer hatte sie sich das gewünscht. Und jetzt sind die Sterne greifbar nah. Nur müsste die Eule etwas höher fliegen.
" Kuckuck, kann man diese Sterne anfassen?"
" Oh, Lisa, Lisa...da müssen wir erst den Sternenmaler fragen. Er ist ein Künstler und zugleich ein Wissenschaftler für Sterne. Schliesslich muss er berechnen, wo jeder Stern gemalt werden muss. An welcher Stelle des Himmels. In der Wirklichkeit ist natürlich alles anders, aber hier bei uns gibt es Wissenschaftler für gemalte Sterne. Hier sind die Sterne sehr klein, weil sonst der Maler nicht hinterherkommen würde sie zu malen. Sie sind so klein, dass man sie anfassen kann.
Tag und Nacht muss der Sternenmaler mit seiner Leiter in den Himmel hinaufklettern und Sterne malen, weil immer mal wieder welche hinunter fallen, wenn sich ein Kind im Traum einen Stern wünscht, der hinunterfällt.
Du hast dir das auch schon gewünscht, nicht wahr, Lisa?"
" Ja, weil ich meine Mutter so vermisste."
" Ja, ich weiss. Viele Menschen lieben die Sterne. Sie sind die Diamanten des Himmels und doch kosten sie nichts und sind für alle da. Das macht sie so schön, weil jeder hinauf schauen kann. Sie gehören niemanden, aber bringen allen Freude und Träume. Manchmal auch Trost, so wie dir. Ach, und erst die Liebe, Lisa...ach, die Liebe. Gut, fliegen wir zum Sternenmaler."

(...)

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