
Ein gefundener Brief
Folgenden Brief fand ich im Sand am Meer...Ich habe ihn übersetzt.
Ja, jetzt schreibe ich dir, was ich all die Jahre sagen wollte. Ja, ich habe dich geliebt und liebe dich noch.Die ganze Zeit, die wir uns kannten. Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Aber ich musste und wollte schweigen. Ich habe Hunderte Briefe an dich geschrieben, die ich nie abschickte. Ich lag nachts wach und die Sehnsucht zerfrass mich. Sie züngelte durch meinen Körper hindurch, wie Säure. Nein, ich mache dir keine Vorwürfe. Jeder ist für sein Herz verantwortlich. Du warst immer fair. Und ich hoffentlich auch. Es war schön mit dir und auch anstrengend, denn ich wollte mich nicht verraten. Wollte meine Gefühle verschweigen. Aber du sollst wissen:
Ich habe viele Stunden den Telefonhörer in der Hand gehalten. Aber ich musste und wollte schweigen.
Ich habe dich gesucht in der Stadt. Nächtelang lief ich durch die dunklen Gassen, Sommer wie Winter. Die Farben der Neonröhren an den Geschäften hielten mich munter. Noch immer habe ich die Gespräche in meinen Ohren von Frauen und Männer, die spazieren gingen, Hand in Hand, ich sah Betrunkene, sah einsame
Menschen, Menschen mit Hunden, hörte fröhliche Gespräche und viele Liebesworte.
Ich erkältete mich mehrmals im Winter. Und ich schwitzte im Sommer. Im Herbst regnete es oft und mein Mantel war durchnässt.
Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen. Ich war krank vor Liebe. Aber ich wollte schweigen.
Ich stand morgens auf und der erste Gedanke warst du. Ich schaute in den Spiegel und ich sah dich.
Ich fuhr nach Rotterdam, fuhr nach Japan, aber immer bliebst du bei mir.
Ich stand in Hamburg an der Alster; ich stand in Den Haag, ich sagte es dir oberflächlich, dass ich ans Meer fahren würde, und vergass dich für eine kurze Zeit, doch als ich umkehrte sah ich die bunte Stadt in den Scheinwerfern der Autos und ich sehnte mich nach dir. Es regnete an jenem Tag in Rotterdam und ich stand am kleinen Hafenmuseum. Es dämmerte schon leicht und die Schiffe lagen wie grosse Gespenster im Wasser. Rotterdam ist eine grosse, schöne Stadt. Ich kam vorbei am Seemannsheim. Ich sah im Vorbeigehen, wie gerade einer von seiner grossen Reise zurückkam. Was für ein Leben, dachte ich. Monatelang auf dem Schiff und dann kein richtiges Zuhause. Und doch lieben sie es, ihr Leben.
Es regnete und ich merkte es nur an den salzigen Wassertropfen auf meinen Lippen, die sich vom Haar herunterpellten. Das Herbstlaub bewegte sich später unter den Laternen.Wenn ein kleiner Windstoss kam, tanzten zwar nur wenige Blätter, da die meisten nass waren, aber es war so einmalig, weisst du. So schön anzusehen. ...
Und später überall die Lichter von Den Haag.
Der Regen duftete nach der grossen, weiten Welt, er duftete nach wilder See und hohen Wellen. Er duftete nach Sommer, Herbst und Winter zugleich. Ich war so müde, dass ich beinah in ein Auto gelaufen wäre, als ich zur anderen Strassenseite wollte, um einen Kaffee zu trinken, weil ich nächtelang nicht geschlafen habe.
Am nächsten Tag fuhr ich weiter und stand am Meer; atmete diese herrliche Luft ein. Ich liess mich treiben und sah den Vögeln beim Flug zu. Ihr Flug duftete nach blauem Eis, dem ältesten Eis, welches immer bläulich erscheint und manchmal auch glitzert, wie ein Spiegel erscheint es manchmal; im ewigen Eis, auf den Gletschern.
Als ich nach Hause kam, malte ich dich. Ich malte dich und konnte es nicht ertragen, dass du nicht da warst.
Ja, so sehr liebte ich dich. Es hat mich zermürbt, dass ich nirgendwo ohne dich war. Das ich hingehen konnte, wo ich wollte, von Stadt zu Stadt, aber diese Liebe zu dir war so gross. Das du immer in meinen Gedanken und Herzen warst, mir meinen Schlaf geraubt hast, du hast mir meine Freiheit genommen, hast mir Fiebernächte gebracht, in denen ich von dir fantasierte. Wie ein Hund schlief ich zusammengerollt auf dem Fussboden vor quälender Sehnsucht. Aber ich war viel zu stolz dir das zu sagen. So, wie du zu stolz bist und warst.
Es hat mich zermürbt und daneben war diese Wärme, die so stark war, dass ich mich wie in einem Karussell der Gefühle befand. Drehend zermürbt und unglaublich schön. Welch` Widerspruch. Du hast mein Herz zu einer Berg- und Talbahn gemacht.
Und jetzt bin ich am Ende. Ich werde morgen Nacht weg fahren. Den Brief aber lege ich dir, beschwert mit einem Stein, in den Sand...
Leb wohl... Such mich nicht. Du wirst mich nicht finden.
Ich habe dich geliebt.
Gefunden 2002