| | | Die Wölfin
Da sass sie nun im Café "Spitz". Stimmengewirr, Zigarettenrauch von allen Seiten, Gläserklirren von der Theke, Blicke und immer wieder muss sie ihr Ohr gegen seinen Mund halten,um seine Worte zu verstehen. Irgendwie lag diesmal eine gewisse Hektik im Raum. Neben ihr sass eine Frau, die immer wieder etwas aufschrieb, hektisch ihren Stift nahm, ein Heft aufschlug, wieder zuklappte. So ging dass vielleicht zwei Stunden, dazwischen rauchte sie beinah unaufhörlich, telefonierte, und holte sich die örtliche Presse. Als jemand den übriggebliebenen Stuhl benötigte, gab sie ihn nicht her. Es schien, sie erwartete noch jemanden. Doch bis zum Schluss kam niemand. Eine seltsame Frau.
Hochbetrieb an einem Samstag, in dieser Stadt Köln, diesem Café. Verqualmte, veratmete Luft. Alles stank nach dieser Vergänglichkeit des kurzen Vergnügens. Vor ihnen im Café, auf dem Tisch, ausgebreitet Bücher, ausgedruckte Texte, denn er schreibt und sie schreibt und während sie angestrengt über Metaphysik und Naturwissenschaften diskutierten, fiel ihr am gegenüberliegenden Tisch ein Mann auf, der wie Max Frisch ausschaute. Max Frisch, der seine Skripte verbrannte, weil er nicht mehr schreiben wollte. Er war wie ein Verbündeter für sie, denn sie wusste ganz genau, wie man dann fühlt. Vielleicht wird sie eines Tages auch ganz aufhören und alles vernichten. Sie verbot ihrem bestem Freund, jemals etwas weiterzureichen. " Ich lebe in deinen Texten...", so sagte er.Vielleicht kommt der Tag, da sie wie Frisch ihre Texte vernichtet. Schweigen... Schweigen gegen das Laute, gegen das Tote, das Unsagbare, gegen das Ungehörte und Überhörte. Und dieses Schweigen, dieses sich Zurückziehen, wird es nicht ebenso auch ein Schweigen gegen dieses unaufhörliche Fortschreiten der Schnelligkeit sein? Ach, schweigen... Tausende Male hatte sie geschwiegen, lieber nachgedacht.
Und sie dachten nach über das Sein über dem Sein, welches für ihn, der vor ihr sass, existiert, aber nicht für sie. Und sie brachte ihre eigenen Theorien ein über die individuelle Wahrnehmung, denn sie ist eine Wölfin. Eine, die sich nicht zähmen lässt von diesem Leben, von der Liebe und von dieser Gesellschaft. Auch nicht von fremder Gedanken. Das hatte sie gelehrt und sie wird es auch weiter tun. Und sie, als Wölfin, wird daran Haare lassen müssen, wird in den Nächten einsam herumstreunen, unsagbar einsam sein, den Mond anheulen, als einzigen Verbündeten. So ist es nun mal, wenn man eigene Wege geht. Unbestimmt wo man ankommt. Unbestimmt wie die Liebe immer sein wird. Auch wenn ihr immer glaubt sie gehöre euch, die Liebe. Wer kann eine Wölfin verstehen? Und ist es nicht so, dass man Wölfe lieber umbringt? Aber es ist nicht nötig. Wölfe sterben von allein. An gebrochenen Herzen, an Einsamkeit oder sie stürzen in Schluchten, bleiben in Fallen hängen, die man ihnen stellt. Wölfe leben in Städten, auf Dörfern. Und doch durchqueren sie einsame Wüsten, frieren in Eiswelten und schwitzen im Dschungel. Sie sind einsam und müssen es auch sein. Sonst wären sie ja keine Wölfe.
Manchmal war es so, als wenn sie ganz alleine gewesen wären in mitten diesen Trubels des Cafés. So versunken waren sie in das Gespräch, die Diskussion. Und dann kam Hesse immer wieder ins Spiel, Stefan Zweigs Gedichte und Artikel einer Obdachlosenzeitung, die sie unterwegs gekauft hatte. An wen geht der Erlös?, fragte sie. Hälfte, Hälfte. Das war gut. Scharlatane gibt es schliesslich überall und gerade mit der Gutmütigkeit der Menschen macht man gerne Geschäfte. Denn nichts, nichts ist dem Menschen heilig. Merke dir das, wenn du lebst. Draussen vor der Tür des Cafés, läuft immer wieder eine Bettlerin hin und her, die Hand offen, das Kopftuch tief ins Gesicht gezogen. Schon einmal, vor ein paar Monaten, als sie in Köln war, hatte sie ihr eine Pizza in die Hand gedrückt " Hier nimm..." Sie sagt kein weiteres Wort... ihre Blicke gesenkt... Hörst du, ich sehe deine Narben... Auch wenn ich nichts weiter sage. Diese Bettlerin ging mit der Pizza zum Fernsprechautomaten und holt eine Plastiktüte mit Münzen heraus. Alles Kleingeld. Da war ihr klar, da war jemand der sie schickte. "Geh betteln, Frau! Und wehe du kommst ohne Geld nach Hause!"
Und neben diesem Elend blühten die Frühlingsblumen. Könnte diese Bettlerin nicht eine Raupe sein. Doch du arme Seele, wen nützt es, wenn du ein Schmetterling sein willst? Arm und reich, geborgen und verloren, geliebt und verstossen... So ist das Leben. Ich sag es dir als Wölfin. Ich kenne das Leben. Merke dir das und schweig. Denn es hört dich niemand, weil jeder nur mit sich selbst beschäftigt ist. Manchmal erträgt sie dieses SEIN nicht. Manchmal erträgt sie dieses Geschwätz der Alltäglichkeit nicht. Und dann möchte sie sagen: Schweigt doch. Seid doch still. Seht doch lieber einmal mehr hin, als zu schwatzen. Und warum redet ihr so viel, so viel Unwichtiges? Über das Wetter, das Essen und den Nachbarn. Es ist sinnlos, dies laut zu sagen. Wer will das schon hören? Überflüssige Worte, Gedanken. Tiefe, denkt sie. Ich brauche Tiefe, sonst gehe ich zugrunde und eine Wölfin bleibt auch eine Wölfin. Und ihre Gedanken kamen zurück ins Café. Und vom gegenüberliegenden Tisch blitzten sie zwei grüne, wilde Augen an...Wolfsaugen. Wilde, einsame Augen. Sie lächelte.
2003
|