Die Wichtigkeit und Richtigkeit des Wolfes im ökologischen Gleichgewicht
Es ist traurig aber wahr, heute im Jahre 2003 hat sich scheinbar noch immer die alte Vorstellung vom bösen Wolf verinnerlicht. Noch trauriger ist es, ähnlich wie bei anderen Tierarten, zum Beispiel dem Hai, dass Filme und unseriöse Berichterstattungen das alte falsche Bild unterzeichnen, welches seit jeher in den Köpfen besteht. Und das Märchen vom „bösen Wolf“ wird noch immer den Kindern erzählt.
Wird in einem Text das Wort Wolf verwendet, wird sofort an etwas Negatives gedacht. Ja, sogar das Wort selbst wurde mißbraucht. Wie etwa im Nationalsozialismus. Also ist es höchste Zeit diese Plattform des Mißbrauches zu entziehen.
Wenige Menschen denken bei dem Wort Wolf an etwas Positives. Dabei wurde und wird dieses Tier sogar verehrt. Nämlich von den indianischen Stämmen. Für die Ureinwohner ist der Wolf ein Verbündeter. Ihnen ist noch heute das ökologische Gleichgewicht, welches er erhält, bewußt. Aber nicht nur dies, sondern auch die Stärke, Intelligenz und die Einsamkeit verehren sie. Vor allem aber auch die Jagdtechniken der Wölfe, die sie zu Zeiten des Büffels auch erfolgreich imitierten.
Der einsame Wolf... der nirgends zu Hause ist, immer auf der Suche. So findet man ihn auch in der Literatur und als Metapher. Oder auch etwas versteckter, wie in Hermann Hesses „ Steppenwolf“.
Sicher, solche einsamen umherziehenden Graupelze sind selten. Aber es gibt sie. Manchmal müssen sie eine sehr lange Zeit und viele Kilometer zurücklegen, um ein Weibchen zu finden und ein Rudel zu gründen.
Der Wolfsforscher Erik Zimen, ehemaliger Mitarbeiter von Konrad Lorenz, der 1967 anfing mit Wölfen zu arbeiten, wurde schon bald zu einem der renommiertesten Experten für diese Tierart. Er publizierte mehrere Bücher, darunter auch:"Der Wolf- Verhalten, Ökologie und Mythos“.
Der Wolf wird noch immer als Verbrecher unter den Tieren gesehen!
Erik Zimen sagte es mal so:“Der Wolf ist ein Tier der Superlative: Kein Tier wurde von Menschen so gefürchtet und gehaßt wie der wilde Wolf, keiner so geliebt wie der zahme Wolf und sein domestizierter Nachfahr, der Hund.“
Ein fataler Fehler! Nicht nur der Bestand an Wild nimmt überhand, sondern auch dadurch resultierend der Jungbaumbestand wird nicht bestehen können. Sicher, der Mensch nimmt sein „ Schießgewehr“ und entledigt sich so von unbeliebtem Wild. Der Mensch über alles... welche seltsame Größe! Das Tier ist hilflos ausgeliefert und der Mensch lauert im Hinterhalt und braucht nur einmal abzudrücken. Oft genug kommt es auch vor, daß das Tier nicht sofort tot ist, weil vor der Jagd Alkohol getrunken wurde! Selbstverständlich würde das nie zugegeben...
Wahre Größe würde der Mensch hingegen zeigen, wenn er dabei hilft dieses Tier wieder anzusiedeln und somit den Kreislauf der Natur wieder reguliert. Der Wolf könnte dann wieder dafür sorgen, daß Wildbestände richtig reguliert werden. Somit würden auch die Jungbaumbestände geschützt. Auch kranke und schwache Tiere würden so auf natürliche Weise „aussortiert“.
Was könnte heute noch solche Angst vor dem „Tier des Jahres 2003“ verursachen? Abgesehen von den obigen genannten haltlosen Nachrichten; oder Grusselmärchen vom Rotkäppchen fressenden Wolf.
Ist es die Kommunikation der Tiere? Ist es das Heulen? Das Zähnefletschen? Ist es das überhaupt Wilde?
Noch immer hat man nicht begriffen, dass Tiere eine andere Sprache sprechen als Menschen. Daher wird das Zähnefletschen als böse abgetan. Oder das Heulen als unheimlich.
Wölfe kommunizieren durch Körpersprache, Laute und Gerüche. Ja, Gerüche. Sie haben richtig gelesen. Denken Sie nur einmal an Ihren Hund. Es ist zum Beispiel das Markieren des Territoriums. Wölfe tun dies auch durch das Heulen. Es bedeutet: Bleib fern! Hier ist mein Territorium. So soll verhindert werden, daß es Kämpfe zwischen Rudeln, beziehungsweise zwischen den Alpha-Tieren gibt.
Tiere sprechen nicht unsere Sprache, sondern ihre eigene. Und bei den Wölfen ist es insbesondere die Mimik, mit der sie sich verständigen. Dazu gehört auch das Zähnefletschen. Das sieht meist gefährlich aus, ist es aber nicht. Diese Art der Kommunikation ist auch wichtig, um die Rangordnung einzuhalten und zu vermitteln, gegebenenfalls auch zu verteidigen.
Wölfe sind Säugetiere. Sie leben in Rudeln zusammen, welches etwa zwei bis 10 Tiere zählt. Manchmal sind es auch 20 Tiere. Nur in der Ranzzeit können es noch mehr sein, dann nämlich schließt sich auch schon einmal ein Rudel mit einem anderen zusammen. Wölfe haben ein ausgeprägtes soziales Verhalten. Sie jagen nicht nur zusammen, sondern stehen auch zusammen gegen andere Rudel. So verteidigen sie ihr Revier. Es kommt vor, daß Weibchen nach der Geburt ihrer Welpen überfahren oder erschossen werden. Dann wären ihre Jungen zum Tode verurteilt, würden nicht andere Wölfinnen aus dem Rudel die Kleinen adoptieren und säugen.
Es ist erschreckend, wie viele Wölfe heute noch immer unter grausamen Umständen ihren Tod finden. Sie werden noch immer abgeschossen. In Spanien sind es jedes Jahr 700 illegale Abschüsse! Auch in Deutschland werden Wölfe abgeschossen. Wie etwa in Niedersachsen von einem Jäger, der sich angeblich bedroht vorkam. In Wahrheit sahen Spaziergänger den Wolf. Er fraß gerade einen Kadaver. Sie hatten den Jäger alarmiert. Oder
sie werden überfahren auf einer der unzähligen Straßen, die heute durch ihre Reviere führen,
verlieren ihre Leben auf den Geleisen, oder werden vergiftet. Sie finden ihren Tod in Schlingen, wie etwa in Kanada. Einer der grausamsten Methoden ein Leben auszulöschen! Leider sind in Kanada die Wölfe nur innerhalb eines Nationalparkes geschützt. Außerhalb dürfen sie getötet werden. Schlimmer noch! Kanadas Regierung plant die Wolfsjagd zu erweitern und will sogar Prämien zahlen für jeden erlegten Wolf!
Oder sie müssen als Sündenböcke für gerissene Schafe herhalten. In Italien gab es Fälle, in denen Isegrim beschuldigt wurde Schafe gerissen zu haben. Dabei waren es die Schäfer selber, die den Schafen die Kehlen durchschnitten. Das alles, um an das Geld zu gelangen, welches in Italien gezahlt- wird bei Verlusten von Tieren durch Wölfe. Da keine Behörde wirklich kontrollierte war so etwas möglich.
Wölfe sind unverzichtbar für das Gleichgewicht der Natur. Sie sind ein Bestandteil des Lebens und haben das Recht zu existieren, wie jedes andere Lebewesen auch.
Der Mensch kann Sterne beobachten, Autos bauen, er kann Wolkenkratzer bauen und mit dem Computer umgeben. Er kann die Struktur von Atomen festlegen und Transplantationen vornehmen. Nur eines kann er immer noch nicht: Den Wolf verstehen! Und dabei wäre es so einfach...
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Rezension:
Thomas o.MCCracken und Richard Walker, Der 3D- Anatomie Atlas
Welch ein Meisterwerk ist der Mensch, sagte Hamlet. Damals schon
Stand der menschliche Körper und seine Funktionen und Beschaffenheit
im Blickpunkt. So auch bei Leonardo da Vinci, der anatomische Zeichnungen anfertigte. Bis heute übt die Beschaffenheit des Homo sapiens eine Faszination auf uns aus. Und bringt die Entwicklung der Technik dem Menschen Gutes und Negatives, so hat sie uns hier bereichert, indem man nun fragen kann:
Wie sieht ein Hirn in dreidimensionaler Darstellung aus? Wie das Ohr?
Virtuelle Lehrweisen im medizinischem Studium sind heute zugelassen, aber längst nicht an allen Universitäten angewandt. Dabei wäre gerade dieser Anatomieatlas, herausgegeben von Thomas o.MCCracken, welcher sich einen Namen als Illustrator und Anatom machte und als Professor beziehungsweise Direktor für biomedizinische Illustrationen an der Colorado State University unterrichtete, sowie dem Biologieprofessor Richard Walker, welcher an weiterführenden Schulen Biologie und Naturwissenschaften unterrichtete,
eine erstklassige Bereicherung für Studienanfänger, aber auch für Laien.
In jahrelanger Kleinstarbeit wurden Tausende von Querschnitten eines menschlichen Körpers geordnet. Kaum etwas ist präziser als die originalen von verstorbenen Menschen verwendeten Körper, " DAS VISIBLE HUMAN PROJECT" genannt. Mit Einwilligung wurden von zwei Leichen, männlich und weiblich, Schnittbilder gefertigt, die man anschließend fotografierte, abspeicherte und dann mit dem Computer in 3D- Bilder umgewandelte. Das Ergebnis kann man sowohl in diesem Atlas als auch in der beiliegenden CD-ROM studieren. Der digitale Mensch entstand. Der Weg zu dieser Lehrweise war lang und hat eine ebenso lange Tradition, die einführend erläutert wird.
Untergliedert ist dieses Buch in systematische Anatomie, also der Organsysteme und in den topographischen Teil, also ein präziser Blick auf einzelne Regionen. So wird zum Beispiel im ersten Teil, der systematischen Darstellung, das autonome Nervensystem, im topographischen, dem zweiten Teil, das Auge sehr ausführlich dargestellt und behandelt, ebenso wie das Becken. Man kann wunderbar die Beckenschlagadern und- venen, als auch die Verästelung der Aorta erkennen.
Ein wenig lassen die Darstellungen des Hirnes und des Herzens zu wünschen übrig. Es fehlen im Buch die Blicke nach Innen. Aber das macht die Sicht im virtuellen "Sezierraum" der CD-ROM wieder gut. Hier kann man Schicht für Schicht den menschlichen Körper abtragen und so erstklassige Einblicke gewinnen.
Sehr schön sind auch die Kreisläufe im Buch dargestellt. Arterien und Venen sind einzeln zu sehen. Wunderbar detailliert eingebracht auch das Ohr und der Verdauungskanal, ebenso wie das verzweigte Netz der Leberarterien und-venen im Inneren der Leber, farblich heraus gearbeitet dabei die Gallenblase.
Jeder Körperteil im gesamten Atlas wird kurz beschrieben und deren Zusammenhänge erläutert.
Virtuelle Anatomie kann wiederholt verwendet und präpariert werden, während eine fertig sezierte Leiche nicht mehr zu gebrauchen ist. Dieses Projekt
trägt somit zu einem noch tieferen Verständnis der Vorgänge im Körper bei
und sollte ein fester Bestandteil im Anatomieunterricht werden. Während die üblichen Bücher mit zweidimensionalen Zeichnungen versehen sind, kann man hier viel tiefer in Zusammenhänge eindringen, Funktionen erkunden und erlernen. Man wartet gespannt auf die weitere Entwicklung der virtuellen Anatomie, auf die Arbeit der beteiligten Wissenschaftler und auf weitere Bücher, der beiden Herausgeber. Ein wichtiger Schritt der Wissenschaft, ein wichtiges Buch...
2003
Paganini, van Gogh und Literatur- mein Herz für Aussenseiter ( Auszug)
Ich legte das Buch " Der Wendepunkt" von Klaus Mann zur Seite, nachdem ich, wie so oft, ein Telefonat mit einem befreundeten Autoren geführt hatte, welches immer Tiefe, Scharfsinn und Analysis hat, nicht wenige dieser Gespräche sind aber auch mit viel Humor gespeist. Es gehört zur Phänomenologie der Telefonate bei uns, dass sich Gespräche ausweiten. Was lesen wir? Was denken wir? Wir verknüpfen und verstricken. Maler, Literaten, Philosophen dazwischen Komponisten... von meiner Seite Naturwissenschaften, dann wieder sprechen wir über Psychologie, dann erkläre ich ihm das in der Psychologie bekannte " Johari - Fenster", wir sprechen über Jung und Hesses Besuche bei Jung. Wenn wir uns treffen, und das ist meist an den unterschiedlichsten Orten, meist aber begeben wir uns in Cafés, dann spüren wir dieses beidseitige Knistern unserer Hirne. Damit meine ich das Knistern der Forderung. Es tut gut. Es tut immer gut. Wir fordern uns gegenseitig intellektuell. Ich brauche das. Er weiss eine Menge über klassische Musik. Da ist er mir wiederum überlegen. Und er komponiert. Manche Stücke eignen sich auch m.E. für Filmmusik. Einfach wunderschön ergreifend, zum Schmelzen. Immer wieder bin ich tief gerührt von seinem Geschenk. Seine Komposition, welche er mir schenkte. Das " Sternenlied". Als ich es das erste Mal hörte, war ich so tief gerührt, mir liefen die Tränen hinunter. Es ist ja so zart und zerbrechlich und in der Schönheit dieses Stückes liegt auch eine Trauer, liegt Sehnsucht. So, wie in Klaus Manns Romanen die Trauer liegt.
Trauer dieser Welten, in denen man sich manchmal verloren fühlt. Manchmal ist diese Trauer aber auch zu ausgedrückt, zu betont, wie bei Gustav Mahler. Das ertrage ich wieder nicht.
Eigentlich dachte ich, nach dem Telefonat, noch ein paar Zeilen könnte ich weiterlesen... weil es wirklich gut ist, dieses Buch..." Der Wendepunkt"... und noch eine Zeile, aber immer wieder fielen mir die Augen zu. Es lag nicht an dem Buch, sondern ich war einfach nur müde. Es gibt ja genügend Bücher, die einen schläfrig werden lassen, aber dieses nicht. Gleichwohl war und bin ich manchmal tief berührt von Worten Klaus Manns, die mich auch nicht gleich zur Ruhe kommen lassen " Wenn jemand genug hat und Abschied nimmt, weinen die, so zurückbleiben." Aus seinem anderem Buch: " Der Vulkan" Bücher gibt es wie Sand am Meer. Bücher, die vielleicht anfangs noch spannend sind, was auch immer das heissen mag für jeden Einzelnen, dann aber in der Mitte immer wieder abfallen zum Langweilen und zum Schluss mag man gar nicht mehr lesen, davon gibt es auch genug. So etwas kann ich mir weder bei Klaus Mann vorstellen, noch bei Ingeborg Bachmann, noch bei Stefan Zweig oder Kafka.
Klaus Mann verehrte Gide. Und dieser sagte einmal:" Je unabhängiger und konsequenter die Persönlichkeit, desto grösser der Beitrag, den sie zum allgemeinen Wohle leisten wird." Insgesamt stimme ich dem zu, jedoch muss man so ein Aussenseitertum hart bezahlen. Und dann besteht noch der Unterschied, ob man so etwas nur sagt oder schreibt zu anderen, oder selbst auch leben kann oder will. Da denke ich an Tolstoi, der sich ein ganzes Leben damit quälte. Er wollte immer seine Worte umsetzen, schaffte es aber bis kurz vor seinem Tod nicht. Übrigens verehrte Thomas Mann Tolstoi. Max Frisch wiederum traute sich nie Thomas Mann zu kontaktieren, da er zu viel Achtung von ihm hatte.
Es gibt und gab ja genug gute Schriftsteller, die einen den Glauben an die Literatur erhalten lässt, während in der modernen und jetzigen Verbrauchsgesellschaft auch die Verantwortung für eben diese fehlt. Wie Recht doch der Philosoph Hans Jonas hatte, dessen Hauptthema die Verantwortung war. Freilich, wir leben im Fliessbandzeitalter, davon bleibt auch die Literatur nicht verschont. Manchmal verschonen sich selbst die Literaten untereinander nicht. So was gabs auch in der Musik. Zum Beispiel bei Paganini, dessen Leben durchzogen war mit Krankheit und Schmerz. Und natürlich habe ich das neueste Buch über ihn verschlungen. " "Paganinis Fluch" von Werner Fuld. Ein grossartiges Buch. Ich empfehle es hiermit weiter.
Paganini blieb nach seinem Tode " erdenlos"...
Erst 36 Jahre später durfte er endlich standesgemäss bestattet werden. Vorher erlaubte es die Kirche nicht, da er angeblich vom Teufel besessen war.
Ganze 36 Jahre musste sein lebloser Körper immer wieder versteckt werden, damit die an den Teufel Glaubenden ihn nicht noch lynchen, denn das hätten sie am liebsten getan, auch wenn er bereits schon tot war. Immerhin bekam sein Sohn Achille Drohungen mit denen nicht zu spassen war. Paganini sei mit dem Teufel im Bunde, so hiess es und allerlei Gruselgeschichten wurden über ihn verbreitet. Wie das eben so ist, aus einer kleinen Fliege wurde ein Elefant von Lügen. Grosse Geister werden seit jeher argwöhnisch betrachtet, man misstraut ihnen, ihren Ideen, beäugt zuweilen ihre seltsamen künstlerischen Hände oder ihre Ideen überhaupt. Manchmal gäbe man sogar alles dafür einen Blick auf die Hände eines berühmten Pianisten zu werfen oder eines Geigers.
Über Paganini grassierten viele Gerüchte, die er nie von sich abwenden konnte. Was er auch tat, z.B. Gegendarstellungen in Zeitungen, konnten nichts bewirken.
Das er aber schwer krank war, sein Körper zerfressen von Quecksilberkuren und trotzdem für sie spielte, dass er jedesmal mit Schmerzen auftrat und seine Seele litt, das wäre wohl niemanden in den Sinn gekommen. Wie auch, hörte man doch auf Gottes Wort. Wenn es das doch gewesen wäre. Nein, mit Gottes Wort hatte die Institution Kirche nichts gemein gehabt. Selbst als Paganini alle Zähne ausfielen, spielte er. Paganinis Ruhm beruhte auf einer harten Kindheit. Sein Vater verweigerte ihm oft das Essen und zwang ihn den ganzen Tag zu spielen. Auch setzte es immer wieder Prügel.
Meine Verehrung für einen derartigen Meister der Violine und der Gitarre ist auch in meiner Geschichte: Der schwarze Spieler, zu finden. Freilich nicht identisch mit Paganinis Leben. Trotzdem will ich einen kurzen Auszug hier einbringen.
Die schwarze Spieler
Spiel du nur, spiel! Ihre Füsse klopften immer wieder auf den Holzboden der alten Gaststube auf. Die kleine Erhebung sollte eine Bühne darstellen. Schwarze Vorhänge verhüllten die eigentliche Pappe, aus der die Wände bestanden. Die Luft war so grässlich durchzogen von Rauch und Schweiss, dass es einem übel wurde. Spiel, Spiel, du Teufel... Die Menge war ausser sich. Jeder wollte ihn sehen, den Verruchten, den Verteufelten.
Also setzte er an und spielte. Den Bogen der Geige auf und niederziehend, fing er an die Seelen hinaufzuheben oder niederzuschmettern. Ihr habt es so gewollt, dachte er sich. Ihr Meute, ihr habt mich gedemütigt, verhöhnt. Ich werde euch zeigen, ob man mit mir spasst oder nicht. Als er spielte, vergass er für diese Zeit seine Schmerzen, seinen vom Blei zerfressenen Körper.
Und er vergass seine Liebe.
In seinem schwarzen Frack und in seiner langen, dünnen Gestalt umhüllt von der schwarzen Bühne war es ein unheimliches Bild. Die Töne, die sich aus seinen Händen und dem Bogen schälten waren so unwirklich und zugleich einzigartig, dass einige es nicht aushielten und sich entweder die Ohren zuhielten oder hinaus flüchteten. Natürlich tuschelten sie dann gleich weiter. Schauermärchen dachten sie sich aus. So könne keiner spielen, es sei denn etwas ginge nicht mit rechten Dingen zu.
Schaute man gegen das Fenster in dieser kleinen vergammelten Schänke, sah man durch das einfallende Licht den Rauch vorüberziehen. Und für einen kleinen Augenblick konnte man ein wunderschönes Gesicht sehen. Das Gesicht von Benda. Sie wollte nicht, dass er sie sieht. Es würde ihn zu sehr schmerzen. Jetzt, da sie einen anderen heiraten wird. All ihre Liebe sollte er doch bekommen. Doch willigte ihr Vater niemals ein, die Hand seiner Tochter einem Geiger zu geben. Altmodisch wie er war, gab es kein Entkommen. Die schönen Künste waren für ihn kein Lebensstil, kein Broterweb, nur nutzlos vergeudete Zeit. Nicht einmal angehört hatte er ihn. Nicht einmal das.
( Auszug Ende)
Goethe, Heine, Liszt, Rossini, Schubert und Grillparzer, sie alle sahen, trafen Paganini oder waren mit ihm befreundet. Heine schrieb über Paganini: "Nachdem man mit religiöser Stille geraume Zeit gewartet, kam endlich auf der Bühne eine dunkle Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu sein schien. Das war Paganini in seiner schwarzen Gala: der schwarze Frack und die schwarze Weste von einem entsetzlichen Zuschnitt, wie er vielleicht am Hofe Proserpinens von der höllischen Etikette vorgeschrieben ist, die schwarzen Hosen ängstlich schlotternd um die dünnen Beine... In den eckigen Krümmungen seines Leibes lag eine schauerliche Hölzernheit und zugleich etwas närrisch Tierisches, dass uns bei diesen Verbeugungen eine sonderbare Lachlust anwandeln musste. Aber sein Gesicht, dass durch die grelle Orchesterbeleuchtung noch leichenartig weisser erschien, hatte alsdann so etwas Flehendes, so etwas blödsinnig Demütiges, dass ein grauenhaftes Mitleid unsere Lachlust niederdrückte."
Paganini... Ja, er fasziniert mich, ich gebe zu, er hat mein Herz. Es sind immer die, die es schwer hatten oder haben, die am Rand stehen, die anders sind, die mein Herz erwärmen. Mein Herz für Aussenseiter. Für die, die belächelt werden oder gar ausgelacht, die, die unterdrückt werden oder mundtot gemacht werden. Die sind es, denen ich ganz besondere Aufmerksamkeit schenke. Wie fahl dagegen und wie falsch erscheint dann der Film mit Klaus Kinski über Paganini. Ohne Frage war Kinski ein guter Schauspieler, wenn gleich ich dieses Überbetonte manchmal schwer verdauen kann. Jedenfalls, wenn Kinski Texte von Nietzsche spricht, ertrage ich das nicht. Nietzsche sowieso herzlich wenig.
Wenn man heute jemanden nach van Gogh fragt, bekommt man meist Antworten wie:
Hat sich ein Ohr abgeschnitten... war verrückt... Es ist ja auch bequem, das zu sagen.
Doch wer macht sich wirklich die Mühe, seine Brief an Theo zu studieren bzw. zu analysieren? Sie sind klar und präzise von Anfang bis Ende. Keine Spur von einer nebeligen Sprache, von einer Beziehungslosigkeit der Realität bzw. Wirklichkeit, wie sie z.B. bei Psychosen auftritt. Nichts. Einzig hatte Gogh unter Epilepsie zu leiten und natürlich unter seiner Armut, die sein Bruder Theo sein ganzes Leben lang zu mindern suchte. Es ist medizinisch unhaltbar und unsinnig, dass sich van Gogh ein Ohr abgeschnitten haben soll, da
er in kürzester Zeit verblutet wäre. Es führen SIEBEN Aterien an dieser Schnittstelle vorbei...
Meine Meinung ist daher, dass das Abtrennen des Stückchen Ohrläppchens, es war nämlich nicht das ganze Ohr, welches er sich abgeschnitten hatte, entweder in solch einem epileptischen Anfall geschah oder in einer Rangelei mit einem Nebenbuhler. Es also ein Unfall war. Natürlich wusste man damals, zu van Goghs Lebzeiten, herzlich wenig über diese Krankheit.
Hinzu kam sein Alkoholgenuss und sein Eigensinn. Sein anderes Lebenwollen, seine Einstellung zum Leben, brachten ihn schon früh in Konflikte mit der Kirche und seinen Nachbarn.
Aus seinen Briefen:
Das Gras glitzerte von Tau und Nachtfrost. Dennoch hatte ich das graue Wetter, als wir Abschied nahmen, lieber.
Sonnabend mittag blieb ich auf Deck, bis die Sonne untergegangen war. So weit man sehen konnte, war das Wasser tief dunkelblau mit ziemlich hohen Wellen unter weissen Kämmen. Die Küste war bereits ausser Sicht, der Himmel war hellblau, starr und ohne ein Wölkchen. Und die Sonne ging unter und warf einen Streifen blendenden Lichtes über das Wasser.
Wohl war es ein grossartiger und majestätischer Anblick, aber einfachere, stillere Dinge treffen uns trotzdem viel tiefer.
..................
Meiner Ansicht nach bin ich oft sehr reich, nicht an Geld- sondern ( obwohl auch dies nicht gerade alle Tage) reich deshalb, weil ich meine Arbeit gefunden, also etwas habe, wofür ich mit Leib und Seele lebe und was meinem Leben Begeisterung und Bedeutung gibt.
Meine Stimmung wechselt natürlich, trotzdem aber fühle ich eine gewisse Heiterkeit. Ich habe einen festen Glauben an die Kunst, ein festes Vertrauen, dass es eine mächtige Strömung ist, die den Menschen - er selbst muss natürlich auch daran mitarbeiten- in einem Hafen treibt, und ich halte es auf jeden Fall für ein so grosses Glück, wenn ein Mensch seine Arbeit gefunden hat, dass ich mich selbst nicht zu den Unglücklichen rechne. Ich meine, auch wenn ich mich in verhältnismässig grossen Schwierigkeiten befinde und wenn es auch dunkle Tage in meinem Leben gibt- so möchte ich doch nicht, dass jemand mich zu den Unglücklichen rechnet; ich würde es nicht richtig finden.
Vincent van Gogh
Aus den Briefen an seinen Bruder Theo
Ende Auszug
Ein Schloß mit Brückenkunst und verwunschenen Prinzen
Man soll ja nie die Hoffnung aufgeben. Es könnte doch sein, das es Frösche gibt, die in Wahrheit Prinzen sind. Sie glauben mir nicht? Vielleicht haben Sie im Schloß Moyland Glück. Halten Sie doch einmal auf der Brücke von
Tadashi Kawamata Ausschau. Sie können dieses Kunstwerk noch bis zum 26.10 bestaunen. Es ist ein begehbares Brückenkunstwerk, eine Außeninstallation, welches Werden und Vergehen, Kommen und Gehen, Hoffnung und Versagen
der Gesellschaft und des Individuums vermittelt, somit dabei den Menschen
in den Mittelpunkt stellt.Kunst kann auch Philosophie sein. Kunst ist ewig und wir sind vergänglich. Also könnte es doch auch möglich sein, daß sich ein Froschkönig in unsere Zeit hinüber gerettet hat. Meinen Sie nicht? Den Menschen in den Mittelpunkt setzt auch das Schloß Moyland in Bedburg-Hau. Ob im Skulpturenpark, dem Kräutergarten, dem Schloß-Cafe oder im Schloß selbst, immer fühlt man sich eingebunden und willkommen.Über fünf Etagen beherbergt das wiederaufgebaute Schloß, welches am 24. Mai 1997 als Museum eröffnet wurde, die ehemalige Privatsammlung der Brüder van der Grinten. Bilder, Zeichnungen und Skulpturen verschiedener Künstler, darunter mehr als 5000 Arbeiten von Joseph Beuys gehören dazu, ebenso wie das Beuys-Archiv, welches als Forschungsinstitut der Kunstakademie Düsseldorf angeschlossen ist, an der Joseph Beuys über zehn Jahre als Professor für monumentale Bildhauerei lehrte. Dieses Archiv umfaßt alleine
100 000 Archivalien, welche gegliedert sind in aktuelle Presseberichte, Korrespondenz an Beuys, Fotografien aber auch Einladungskarten oder Buchpublikationen. Es informiert aber auch über das Leben von Beuys und über Aus-
stellungen seiner Werke.
Seit der Eröffnung 1997 öffnet das Schloß Tag für Tag seine Tore für Führungen, Lesungen, Matinees, Konzerte, Vorträge und natürlich Ausstellungen, denn so sagte einst Franz-
Joseph van der Grinten, der ehemalige Direktor:" Kunst, Dichtung, Musik- man muß alles
in Verbindung sehen." Es gibt aber noch viel mehr zu entdecken. So etwa die hauseigene Bibliothek, die mit immerhin 60 000 Medien zur bild- enden und angewanden Kunst aufwarten kann. Hier kommt keine Langeweile auf. Sie sehen, auch Kunst kann man " lesen". Ob im
Buch oder im Betrachten eines Kunstwerkes. Versuchen Sie einmal in einem Bild zu "lesen".
Bilder, Skulpturen können Romane erzählen. Kunst ist für die Ewigkeit, aber wir sind vergänglich. Vergänglich sind auch die Blüten der Kräuter im Kräutergarten. An die 100 Arten Heil- und Kräu- terpflanzen sollen es sein. Hier im Garten kann man sich ausruhen oder man begibt sich ins Schloß-Cafe. Schloß Moyland zählt zu den wichtigsten Schloßbauten
in Nordrhein-Westfalen und ist sicher somit auch für jeden Architekten ein Anziehungspunkt.
18 34 bekam der Kölner Dombaumeister Zwirner von Nikolaus Johann von Steengracht den Auftrag zum Umbau des Schloßes. Daraufhin ummantelte Zwirner das Gebäude mit einer zweiten Mauerschicht. Ende des zweiten Weltkrieges wurde das Schloß
stark beschädigt und verfiel dann Jahrzehnte bis 19 87 begonnen wurde das heutige unter Denkmalschutz gestellte Gebäude wieder herzustellen. So wurde ebenfalls darauf geachtet,
eine Brücke zu schaffen zwischen Architektur, Gartenkunst und den Kunstwerken an sich. Und vielleicht hat dabei so mancher Frosch zugeschaut...Versuchen Sie es mal mit küssen.
Info
Adresse:
Am Schloß 4
47 551 Bedburg-Hau
Tel. 02824 / 95 10-0
Fax 02824 / 95 10-99
e-mail: info@moyland.de
www.moyland.de
Öffnungszeiten
Sommer ( 1.April bis 31. Oktober)
Di bis Fr 10 bis 18 Uhr
Sa und So 10 bis 19 Uhr
Winter ( 1. November bis 31. März)
Di bis So 10 bis 17 Uhr
Eintrittspreise
Erwachsene 5,50 Euro
Kinder, Jugendliche, Schüler und Studenten
3,00 Euro
Schulklassen 1,50 Euro
Familientages-karte
12,00 Euro
Führung pro Gruppe
52,00 Euro
2003
| | Journalistisches... |
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| | | ( ungekürztes Interview ) Dieses Interview entstand durch Max Kaufmanns als auch meinem Interesse an Klaus Mann.
Der Autor und Philosoph Max Kaufmann über seine erste Beschäftigung mit Klaus Mann, die Neuentdeckung des Schriftstellers nach dem Verbot des Romans „ Mephisto“ und über die Schwierigkeit Sohn eines berühmten Vaters zu sein.
B: Herr Kaufmann, zur Zeit befassen Sie sich intensiv mit Klaus Mann. Woher kommt das Interesse an dem Schriftsteller?
Kaufmann: Das Interesse geht auf verschiedene persönliche Beweggründe zurück. Unser Deutschlehrer brachte uns in der Schule die Weltliteratur nahe. Zudem war er ein eingefleischter Thomas Mann Fan, der uns mit ihm vertraut machte. In diesem Zusammenhang stieß ich auch in Eigeninitiative und Neugier auf den Dichtersohn. Das waren die ersten Ansätze mich mit Klaus Mann zu beschäftigen.
B: Und danach hat sich das Interesse an dem Dichtersohn weiter vertieft?
Kaufmann: Man muß sich das so vorstellen- da war der große Vater und der interessante Sohn, den ich auf einmal entdeckte. Das Interessante war, die Literatur von Klaus Mann sprach mich sofort an. Zur damaligen Zeit redete niemand großartig über Klaus Mann. Die Deutsch- Lektüre war besetzt durch Namen wie: Thomas Mann, Kafka, Heinrich Böll oder Günter Grass. Solche Namen waren gängig, aber nicht Klaus Mann. Der war nahezu unbekannt.
B: Hatte das auch gesellschaftliche oder politische Gründe?
Kaufmann: Klaus Mann paßte nicht ins öffentliche Bild. Er war ein Außenseiter, war homosexuell und drogenabhängig. Zudem schrieb er nicht für die Massen.
B: Wie sieht das Interesse an ihm heute aus?
Kaufmann: Heute gibt es auch nur eine wenige Menschen, die sich ernsthaft mit der Literatur von Klaus Mann auseinander setzen. Dazu gehören auch das Klaus-und Erika Mann- Archiv in München und in Freiburg die Soziologin Marianne Krüll.
B: Klaus Mann war Humanist und stellte sich gegen jede Form von Diktatur und Totalitarismus. Als Hitler an der Macht war, trat er in die Army ein, um ihn bekämpfen zu können. Aber es gab zunächst Schwierigkeiten aufgenommen zu werden...
Kaufmann: Ja, so eine Armee muß funktionieren, um einen Krieg zu führen. Klaus Mann war dazu nur bedingt tauglich. Die Schwierigkeit war, daß er seine Homosexualität verleugnen mußte, ja verheimlichen mußte, da Homosexuelle nicht aufgenommen wurden.
B: Nun fallen ja Außenseiter aus der Struktur der Gesellschaft heraus. Werden sie also dazu gemacht? Oder macht sich der Außenseiter selbst dazu?
Kaufmann: Das ist interessant. Durch Ihre Fragen und Ihr Interview wird mir zunehmend klar, daß Klaus Mann eine extreme Außenseiterposition einnahm. Er vereinigte so viele Außenseiter in einer einzigen Person, daß man sich, wenn ich es recht bedenke, die Frage stellen muß: Wie konnte er das überhaupt durchhalten? Dazu kam seine zunehmende Vereinsamung.
B: Hat Klaus Mann über den Schauspieler Gustav Gründgens geschrieben?
Kaufmann: Sie meinen den Roman „ Mephisto“. Dieser Roman wurde auch verfilmt. Die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen, gespielt von Brandauer, erinnert an Gustav Gründgens, weist eine Parallele auf. Klaus Mann bestritt dies. Für ihn war es nur ein bestimmter Typus aus der damaligen Zeit- ein Typus, der Karriere im Nationalsozialismus machte.
B: „ Mephisto“ wurde 19 66 verboten. Der Roman wurde als Schlüsselroman gesehen, was Klaus Mann entschieden dementierte.
Kaufmann: Ja, er wurde verboten. Leider, muß ich sagen. Man sah darin einen „ Schlüsselroman“ und gab dem Adoptivsohn Gründgens nach, der das Verfahren in Gang brachte.
B: Erst 19 81 erschien im Rowohlt Verlag eine Neuausgabe. Hat sich durch diese schwierige Phase des Verfahrens und Verbotes das Interesse der Gesellschaft an ihm geändert? Bekam der Schriftsteller dadurch mehr Aufmerksamkeit?
Kaufmann: Ja, auf jeden Fall. Wenn man sich die Sekundärliteratur ansieht, sind seit dem Film „Mephisto“ und dem Verbot des Buches vermehrt Publikationen zu verzeichnen.
B: Nun hat Brecht die Begabung von Klaus Mann niedergeschmettert und das auch publiziert. Brecht hat ihn als vaterabhängig und damit nicht als selbständigen Schriftsteller stilisiert. Was halten Sie davon?
Kaufmann: Brecht hatte ja manchmal eine seltsame Art. Ich würde es darauf zurück führen, daß er sich nie ernsthaft mit der Literatur von Mann beschäftigt hat.
B: Thomas Mann hatte alle Skripte bzw. Bücher von seinem Sohn gelesen und sich dementsprechend auch geäußert. War er ein guter Vater in dieser Beziehung? Oder ein guter Vorleber in der Literatur für seinen Sohn?
Kaufmann: Wenn es irgendwo eine Vorbildfunktion für den Sohn, der es nicht leicht hatte als Schriftsteller eines so berühmten Vaters seinen Weg zu finden, gab, dann darin, daß der Vater dem Sohn eine Möglichkeit vorgelebt hat: nämlich ein Schriftsteller sein zu können.
B: Sein berühmter Vater, Thomas Mann, ist ganz anders aufgewachsen, eher traditionell, was sich auch durch seine Werke zieht. Klaus erscheint hingegen emotionaler und hat auch so geschrieben. War seine Emotionalität vielleicht ein Grund, warum er immer weiter innerlich zerbrach?
Kaufmann: Er hatte schon in jungen Jahren ein Gedicht geschrieben: „ Gruß an das zwölfhundertste Hotelzimmer“. Das heißt also, sein Leben war geprägt von ständigen Ortswechseln. Das Leben in Hotels... da wird schnell provisorisch etwas aufgebaut und dann wieder eingepackt. Und so geht das immer weiter. Und dann wird im Hotelzimmer an der Literatur gearbeitet, während der Vater in einem großbürgerlichen Haus oder großgeschnittener Wohnung lebt mit Hausangestellten, mit seiner Ehefrau, die von ihm den Alltagskram fernhält, damit er sich auf die Arbeit konzentrieren kann. Das sind auch unterschiedliche Lebens-und Produktionsstile, was die Literatur und auch das Leben anbelangt.
B: Sein Verhältnis zu seiner Schwester Erika war mehr als geschwisterlich, sondern es war schon eine besondere Liebe, eine Art von intensiver Zuwendung und teilweise auch Abhängigkeit. Nun hat sie sich in seinen späteren Jahren eher auf ihren Vater konzentriert und Klaus Mann hatte damit große Probleme. Hat das in seinen Suizidversuchen hineingewirkt?
Kaufmann: Das Verhältnis Erika und Klaus Mann ist in der letzten Zeit stärker beleuchtet worden. Wenn man zum Beispiel das Buch von Marcel Reich-Ranicki nimmt: „ Thomas Mann und die Seinen“, findet man zu Klaus Mann einen Abschnitt, in dem es ungefähr heißt: Klaus Mann war homosexuell, drogenabhängig und der Sohn eines berühmten Schriftstellers. Die Veränderung des Verhältnisses von der Familie Mann zu Klaus war auch Resignation. Es war Resignation gegenüber seines Drogenkonsums und seinen vielen vergeblichen Entzügen.
B: Meinen Sie Klaus war nur homosexuell orientiert? Es gibt in seinem Buch „ Der Wendepunkt“ eine Passage, in der er beschreibt, daß er in eine Frau, nämlich Pamela Wedekind, verliebt war. Zudem hatte er zu Annemarie Schwarzenbach ein sehr gutes Verhältnis.
Kaufmann: Zu Pamela Wedekind hat er sich meines Wissens geäußert, daß sie ein sehr knabenhaft, männlich ausgeprägtes Gesicht hatte. Das heißt also im Weiblichen sah er auch das Männliche und Entsprechendes gilt für die lesbische Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, die auch markant männliche Züge in ihrem Äußeren hatte.
B: Wenn man Klaus Mann liest, dann liest man auch in seine Seele hinein. Man spürt seine Sensibilität, seine Trauer und Verzweiflung am Leben. Wäre der Schriftsteller auch ohne diesen Lebensschmerz so erfolgreich geworden?
Kaufmann: Nein. Ich denke ein guter Schriftsteller muß, bevor er gut schreiben kann, erst ein paar Mal gestorben sein. Also schmerzhafte Einschnitte in seinem Leben ertragen müssen. Melancholie und Schriftsteller gehören für mich zusammen.
B: Die Geschwister sind in einem gutbürgerlichen Haushalt aufgewachsen und waren zunächst unpolitisch. Sie erlebten den ersten Weltkrieg und litten Hunger.
Kaufmann: Sie hatten noch nicht einmal Schuhe, sondern liefen barfuß.
B: Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderte sich dann das Verhältnis zur Politik. So wird es immer dargestellt. War es so?
Kaufmann: Ja. Bezogen auf Klaus Mann fängt damit ein neuer Abschnitt in seinem Leben an. Ein politischer Abschnitt.
B: Der Bruder Michael stand als Einzigster an seinem Grab, als er bestattet wurde. Erika und Thomas Mann waren auf Lesetour und wollten diese nicht unterbrechen. Bezeugt dies nicht auch einen Bruch der Bindung zwischen der Mann- Familie und dem Außenseiter Klaus?
Kaufmann: Auf den ersten Blick mag das so erscheinen. Mir fallen spontan zwei Sätze ein: Literatur ist auch ein Geschäft und Literatur ist eine Aufgabe, die verpflichtet. Der Vater Thomas Mann war wohl von beiden Dingen geprägt. Aber ich denke gerade der Figur Thomas Mann wird man eher gerecht, wenn man sieht, was sich hinter der Fassade abspielte, also im Inneren. Und da wird die Suche schwierig, auch in dem Verhältnis Thomas Mann zu seinem Sohn.
B: ...welcher mehrere Selbstmordversuche unternommen hatte. 19 49 den Letzten, der ihn dahin brachte, wohin er wollte, nämlich ins Nirgendwo. Erika schien zwar entsetzt, aber auch fassungslos. Hatte sich das Verhältnis von Erika zu Klaus vor seinem Tode stark unterkühlt?
Kaufmann: Das wird man so sehen können. Aber ich denke, daß es eine Entwicklung war, ein Prozeß, an dessen Ende diese Selbsttötung stand.
B: Erika hat sich von Klaus abgesondert ...
Kaufmann: Erika ging zunehmend ihren eigenen Weg. Bekam aber gleichzeitig Leitfunktionen für andere Personen, wie zum Beispiel für Annemarie Schwarzenbach. Annemarie Schwarzenbach sprach sie in ihren Briefen mit „ mein großer Bruder“ an.
B: Nun war ja Annemarie Schwarzenbach weder mit ihrem Leben noch mit ihrer Schriftstellerei und deren doch überwiegend spärlich ausfallendem Erfolg zufrieden. Auch sie war den Drogen verfallen. Sowohl Klaus als auch Annemarie scheiterten auf jeweils ihre Art am Leben. Verbindet so etwas?
Kaufmann: So wird man das wohl sehen müssen.
B: Wird man diesen Schriftsteller jemals als einzelnes Individuum, als unabhängigen Autor sehen? Oder wird es wie im Falle Kafka sein, den man meist zunächst mit seinem Vater in Verbindung bringt?
Kaufmann: Wenn man die Publikationen ansieht und vergleicht, sieht man ja daß das Bild der Manns und Klaus Manns immer differenzierter wird.
B: Klaus hatte einige Male erlebt , daß sich Freunde oder Familienangehörige das Leben nahmen. Hat dies dazu beigetragen, das er sich selbst immer mehr den Tod wünschte?
Kaufmann: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sprechen Sie mehrere Selbstmordversuche im Umfeld von ihm an.
B: Da gab es zum Beispiel die Tante, dann gab es seinen besten Freund Ricki Hallgarten und einige mehr.
Kaufmann: Es war im Menschen Klaus Mann selbst begründet. Ihre Frage ist schwierig. Sie müßte in die Tiefe der Persönlichkeit vordringen. Man könnte sich auch fragen, warum er überhaupt so lange lebte.
B: Der SPIEGEL hat im Jahre 2001 über die Manns geschrieben, es wären die „Windsors der Deutschen“. Stimmen Sie dem zu?
Kaufmann: Wenn Sie die Windsors für ein Geschlecht von Literaten, kunstverständigen Menschen halten, die von diesen Produkten lebten, dann mag man den Vergleich wohl ziehen können.
B: Klaus Mann ein Literat der Vergangenheit aber auch der Zukunft?
Kaufmann: Es wäre ihm zu wünschen.
B: Herr Kaufmann, ich bedanke mich für dieses Gespräch.
Mit freundlicher Genehmigung von Max Kaufmann.
Ich bedanke mich für die Zusammenarbeit, am Telefon und während unseres Treffens.
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Feature
"Immer wenn ich traurig war..."
"Immer wenn ich traurig war und nicht mehr konnte, dann war irgendwas in mir drin, was nicht herauskonnte, und sobald das Blut geflossen ist, ging auch dieses andere Gefühl raus. Es war schon merkwürdig, aber danach ging es mir besser. Dann wurde ich ruhiger", so die 13-jährige Jeanette. In Fachkreisen wird das das Ritzen genannt. Kinder, die sich selbst verletzen, die dadurch inneren Druck abbauen.
Jeanette zählt zu den Hochbegabten in Deutschland und ist kein Einzelfall von Selbstverstümmelung unter ihnen. Es gibt in Deutschland circa 2 bis 3 Prozent überdurchschnittlich begabte Kinder. Das heißt, daß von 100 Personen zwei bis drei Kinder eine besondere Begabung haben. Während schlechte Schüler meist ausreichend gefördert werden, werden Kinder mit einer Begabung nicht sonderlich unterstützt, oftmals noch nicht einmal erkannt. Weder Lehrer noch Eltern wissen häufig, was überhaupt eine Hochbegabung ist. Sie verstehen diese Kinder, die irgendwie anders sind, nicht. Das hat zur Folge, daß diese Mädchen und Jungen vereinsamen. Sie können sich selbst nicht lieben, wollen Freundschaften schließen, können das aber nicht, weil Gleichaltrige nicht ihre Interessengebiete haben, wie sie. So interessieren sie sich oftmals für Philosophie, Themen wie Gerechtigkeit oder auch Religionen. Schule ist für sie oft langweilig, weil ihre Denkgeschwindigkeit erhöht ist und sie Wiederholungen hassen. Das kann dazu führen, das sie unterfordert sind, sie sich keine Mühe mehr geben und dadurch irgendwann auch schlechte Noten bekommen. Sie spüren immer mehr ihr Außenseitertum und werden immer unglücklicher. Viele dieser Kinder zeigen früher oder später Verhaltensauffälligkeiten, werden depressiv oder aggressiv, was wiederum falsch von Psychologen, Pädagogen und auch den Eltern gedeutet wird. Ein Teufelskreis. So wird Begabung zur Bestrafung. Weil diese Kinder oft weder in der Schule noch im Elternhaus oder im Freundeskreis anerkannt sind, werden sie zu Versagern.
Sie schreiben absichtlich schlechte Noten, um nicht als Streber zu gelten, bauen Fehler in ihre Arbeiten, nur damit sie von anderen gemocht werden oder leben sogar zwei Leben. In der Schule, so wie man sie gerne hätte, zu Hause, so wie sie wirklich sind. Es gibt auch die hochbegabten Schüler, die ohne Mühe Einsen schreiben. Aber sie stoßen nicht an ihre Grenzen, da sie sich nicht gefordert fühlen. Der Stoff in der Schule ist für sie eine Leichtigkeit und auch bald langweilig, aber sie stehen das durch. Sie lassen sich nichts anmerken. Sie stecken das äußerlich ein, innen sieht es ganz anders aus. Innen fragen sie sich zum Beispiel, wofür man sie liebt- nur für die guten Noten? Ihre Fähigkeiten aber können sie so niemals entwickeln. Dafür bräuchten sie individuelle Fördermöglichkeiten. Sie sind nicht glücklich und ihr Selbstbewußtsein leidet darunter.
Manche dieser Kinder unternahmen Selbstmordversuche. So, wie Elke, die einen Hochspannungsmast hochkletterte und nach dem Kabel griff. Einer ihrer letzten Sätze lautete: " Ich möchte leben, ich möchte leben, wenn man mich nur läßt." Gerade mal 18 Jahre ist sie alt geworden und hatte einen langen Leidensweg hinter sich. Doch bestand ihr Leid ja nicht in den Noten, denn sie hatte beinah in allen Fächern nur Einsen. Nein, ihr Leid war der schulische Umgang mit ihr. " Die Eltern haben ihre Tochter durch ein Schulsystem verloren, das nicht flexibel auf Menschen reagiert, die nicht der Norm entsprechen.", so schreibt der Autor Michael Hollenbach in seinem Buch: "Die unbeachteten Genies- Das Schicksal hochbegabter Kinder". Einzige Rettung für diese Kinder ist eine Hochbegabtenschule, wie etwa in Braunschweig. Doch diese Schulen sind dünn gesät und zudem kostenspielig.
In ihrem Buch " Hochbegabt" schreibt die Professorin für Psychologie Ellen Winner: " Der Mangel an Herausforderungen in unseren Schule bedeutet, daß die Kinder ihr Potential nicht ausschöpfen können. Sie werden zu Versagern."
Das Thema Hochbegabung kommt in der Lehrerausbildung so gut wie nicht vor. Auch Fortbildungsmaßnahmen werden nur spärlich besucht. Die Pädagogen meinen das das Thema in der Ausbildung nicht integriert ist und man sich deshalb damit auch nicht auskennen könne. Viele Lehrer reagieren abweisend, entwertend und ungerecht auf Kinder und Eltern, die sich mit ihnen in Verbindung setzen wollen, um über die Probleme zu sprechen, die solch eine Begabung mit sich bringt. Mitschüler hänseln und beschimpfen sie, reagieren abweisend. Die Psychologin Barbara Schlichte-Hiersemenzel äußert hierzu: " Was mutet die Gesellschaft diesen Kindern eigentlich zu? Warum muß ein Kind mit einer Gabe, über die wir uns alle freuen sollten, sich verstecken, weil es sonst Ablehnung fürchtet?"
Hilfen bieten die Beratungsstellen, wie zum Beispiel die BERATUNGSSTELLE BESONDERE BEGABUNGEN in Hamburg, kurz BbB genannt oder auch Initiativen, wie MENSAKIDS oder diverse Freizeitprojekte, wie das UNIVERSIÄRE SOMMERCAMP in Viersen.
Hochbegabung wird heute in verschiedenen Domänen, also Bereichen, bewertet. So gibt es unter anderem die emotionale Intelligenz, die mathematische oder auch die künstlerische. Dann gibt es die einseitige Begabung und die multiple. Wobei die letztere seltener ist. Auch die emotionale Intelligenz kann zu Problemen führen, denn wenn dieses Kind zwischenmenschliche Fähigkeiten hat, die weit über sein Alter hinaus gehen, dann muß ihm seine Umwelt als roh vorkommen. Es ist häufig zu beobachten, daß sie wesentlich ältere Freunde haben oder deren Kontakt suchen. Für viele Eltern, deren Kinder mit höherer Intelligenz ausgestattet sind, stellen sich große Probleme. Solche Kinder forden ihr Umfeld. Lange Zeit wurde dieses Thema nicht ernst genommen. Es galt als verpönt, da man immer die Eliten im Blick hatte. Doch was diesen Kindern damit angetan wurde, wurde nicht bedacht. Und das bei immerhin schätzungsweise 300 000 jungen Menschen.
Jeanette geht es heute besser. Sie besucht die Braunschweiger Christophorusschule " Hier brauche ich mich nicht mehr verstellen." Sie hat Freunde gefunden und kann sich in diesem Internat auf Ebenen unterhalten, die sie braucht. Sie fühlt sich verstanden und manchmal krempeln andere ihre Ärmel und Hosenbeine hoch und zeigen ihre Wunden." Ich dachte schon, daß hier wäre eine Sammelstelle für ehemalige Ritzer", meint sie und grinst. Hier darf sie sein, wie sie wirklich ist. " Die Leute akzeptieren hier, daß man anders ist, weil ja fast alle irgendwie anders sind."
Literaturempfehlungen:
Hollenbach, Michael: Die unbeachteten Genies. Das Schicksal hochbegabter Kinder, Fischer 2001
Winner, Ellen: Hochbegabt. Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern)
Spahn, Christine: Wenn die Schule versagt, MUT-Verlag Asendorf
Gardner, Howard: Kreative Intelligenz, Piper 2003 Architektur, Hundertwasser und gekrümmte Linien
Als ich neulich einem Maler, wir kennen uns nun auch schon Jahre, davon berichtete, dass ich mich intensiver als sonst mit Hundertwasser beschäftige, riet er mir, mich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen von ihm. Ich verstand ihn sofort und weiss ja, dass er meine Malerei und auch meine Grafiken sehr schätzt. Bei den Grafiken faszinieren ihn immer die Formen und Farben. Einmal fragte er mich, wann ich das Bild " Sturm" gemalt hätte- in welcher Lebenslage... Ich antwortete: in einer ganz normalen. Ich habe es einfach gemalt, weil ich einen Baum im Sturm sehr schön finde. Und es war mir klar, wie schnell Aussenstehende Werke falsch verstehen können, sei es die Malerei, die Wissenschaft, die Literatur... Manchmal frage ich mich, wie viele Schriftsteller wohl falsch verstanden werden, die sich nicht mehr wehren können, weil sie verstorben sind.
Während ich dies hier schreibe, fällt mir Mondrain ein. Mondrian malte immer wieder Bäume. Er fühlte sich u.a. zu Picasso hingezogen. Picasso ist für mich weniger interessant, zumal ich seine Einstellung zum Stierkampf verabscheue. Aber auch er hat bedeutende Werke gemalt. Aber auch Beuys arbeitete mit toten Tieren. Dies sind Werke von ihm, die ich ablehne. Mondrian sagte: " Die neue Gestaltung erschliesst, was die Wissenschaft entdeckt hat: dass Zeit und subjektives Sehen die wahre Wirklichkeit verschleiern." Immer wieder wird mir klar, dass man tief eindringen muss in Schaffende, um wirklich zu ergründen. Das es nicht reicht, Klischees anzuwenden und oberflächlich vielleicht mal eine Biografie liest, um dann eine Meinung zu haben oder zu schreiben. Mit voreiligen Schlüssen nämlich, schadet man mehr als man nützt. Alles ist ergründen und kombinieren. Und immer wieder trifft man auch auf das Vorurteil Wissenschaft schliesse die Kunst aus und andersherum, ja regelrechte Kämpfe dagegen habe ich schon erlebt. Das kommt aber nur daher, dass keiner von beiden sich mit dem jeweils anderen beschäftigt. Nehmen wir z. B. die Stringtheorie. Sie kann man z. B. durchaus mit der Musik verbinden, bzw. mit den Saiten eines Instrumentes. Wieso? Wenn Sie das wissen wollen, beschäftigen Sie sich doch einmal damit...
Und wieso plötzlich Hundertwasser? Klee, Schiele, Klimt, Beuys, Nolde, Chagall und so weiter, sie alle beschäftigten mich. Aber Hundertwasser hat nicht nur gemalt, nein auch seine Architektur ist es wert, sich damit zu beschäftigen. Und das geht nicht, wenn man den Sinn und den Grund nicht kennt. Architektur und Malerei- er hat eine Verbindung geschaffen. Und er wollte etwas durchbrechen, wollte hinweisen, dass der Mensch sich selbst schadet mit seinem immer perfektem Denken, dass stets ausgerichtet ist auf Vollkommenheit. Wohnen ist ein Erleben und der Mieter hat Rechte, die ihm sonst verloren sind. Rechte haben auch die Kinder, Rechte auf Farben und spielen, auf Abenteuer selbst im Wohnen. All dies hat Hundertwasser einbezogen und ich muss sagen, dass man davon viel lernen kann. Betrachtet man seine Spiralkunst, und das kann man nur, wenn man sich mit seinem Denken auseinandersetzt, dann sieht man plötzlich die Parallele zu seinen Modellen in der Baukunst. Ich meine, man sollte einmal fern von Klischees und Psychologie hineinsehen, die letztere hat ihn übrigens erst darauf gebracht mit Spiralen zu arbeiten! Nachdem er nämlich den Film" Bilder des Wahnsinns" gesehen hatte, war ihm klar, dass Spiralen sein Denken berührten. Man findet alle seine Worte in den Bildern wieder. Selbst sagte er, dass die Spirale für ihn ein Symbol des Lebens sei. Und dies wiederum kann man mit seiner Ansicht der fünf Häute, die jeder Mensch, seiner Meinung nach, um sich trägt in Bezug setzen. Die erste Haut: die natürliche Haut, die zweite: die Kleidung, die dritte: Das Haus, die vierte: das soziale Umfeld und die Identität und die fünfte Haut: Das globale Umfeld, also das ökologische. Dies war verbindend für ihn. Er glaubte fest daran, dass eine falsche Wohnweise krank machen kann, sowohl seelisch als auch körperlich. Natürlich sehe ich es anders, wenn er meinte: " Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch" In ihr wohne die hirnlose Massenameise. Zumal ich die Geometrie liebe. Und Geometrie durchdringt alles, auch mit ihren Geraden. Aber ich will auch hier zu Hundertwasser eine Parallele ziehen, nämlich dass ja auch die gekrümmte Linie, nicht zuletzt in der Relativitätstheorie ihren festen Platz hat.Gekrümmte Räume und seine Architektur kann man ebenso miteinander verbinden. Vielleicht ist es das, was mich so fasziniert. Diese Durchdrungenheit durch viele Ebenen. Wenn es regnet, sei er glücklich, so der Maler, dann könne er arbeiten. " An einem Regentag beginnen die Farben zu leuchten..." Er sieht also, obwohl es regnet, noch etwas Wunderbares und empfindet Glück dabei. Wasser hatte Zeit seines Lebens einen besonderen Platz für ihn. Die Natur, die liebte er und er bedauerte die Produktion des Unnatürlichen unserer Tage. " Wenn ich male, träume ich..." Sein Schiff nannte er " Regentag". Mit an Bord waren ein schwarzer Hund und eine schwarze Katze. Dieses Schiff hatte ganze 60 Jahre Salz und Sand zwischen Afrika und Frankreich hin und her transportiert.
Mich fasziniert die Architektur. Und Architektur heisst nichts weiter als- Sie dürfen raten. Als: BauKUNST. Also die künstlerische und technische Gestaltung von Bauten. In der Jungsteinzeit und Bronzezeit sind die Megalithbauten( Bauten aus grossen Steinen) bekannt. Mit diesen Bauten wurden wahrscheinlich die Ahnen geehrt.Die ägyptische Baukunst; etwa 3000 bis 7000 vor Chr.; waren Felsengräber und Tempelanlagen. Bis zu 50 Meter weit wurde in den Felsen hineingearbeitet. Tempel und Pyramiden waren streng gegliedert und noch heute haben wir viele Rätsel vor uns über die Entstehung und Struktur der Bauten. Ich habe einmal eine Skizze, Bauplan wäre zu übertrieben, gesehen vom grossen Amun- Tempel von Karnak, der circa um 1250 v. Chr. Gebaut wurde. Dann gibt es die babylonische und assyrische Baukunst von 2000 bis 600 vor Chr., die durch drei Bauformen gekennzeichnet ist: die Form der Göttertempel, mit langgestreckten Innenräumen, des Stufentempels und der Herrscherpaläste, die auf Terrassen errichtet wurden, wie zum Beispiel eines der Sieben Weltwunder: die hängenden Gärten. Es gab die kretisch-mykenische Baukunst, circa 3000 bis1000 v. Chr., die eine Vorstufe der griechischen Baukunst war. Diese Griechische, von etwa 1000 bis Christi Geburt, kann man unterscheiden an den Säulen. Die ionische, dorischen und der korinische. Dann gab es noch die etruskische, 800 bis 300 v. Chr., die römische Baukunst, die den Mörtel einführte, die frühchristliche, die byzantische, die islamische und es gab die romanische, die gotische, die Baukunst der Renaissance, den Barockstil; denken wir an Michelangelo, der die klaren Formen auflöste. Der Klassizismus, ungefähr von 1770 bis 1830, versuchte die Form des Barock zu überwinden. Es gab den Historismus, und es gab die Baukunst des 20. Jahrhunderts und dann kam auch der Jugendstil, der wiederum des Historismus überwand und zum Schluss die Baukunst der Neuen Sachlichkeit, die auf Prunk und Schnörkelei verzichtet. Und BauKUNST, einer anderen Art, sind auch Brücken.Es gibt Balkenbrücken, Bogenbrücken, Hängebrücken und bewegliche Brücken. Es gibt fünf verschiedene Formen von Fachwerkbalkenbrücken. Man unterscheidet zudem nach Verwendung des Materials.Holz, Stein, Beton, Stahl, Stahlbeton, Spannbeton, Leichtbetonbrücken. Haben Sie gewusst, dass bei Hängebrücken das Tragwerk ein nach unten hängender Gurt ist, der sich an seinen Enden auf zwei Pfeiler stützt?An den Gurten ist die Fahrbahn angehängt. In Deutschland ist zur Zeit die grösste Hängebrücke die Rheinbrücke Kleve- Emmerich, welche 19 67 erbaut wurde.
Wer aber war Hundertwasser? Hundertwasser muss man verstehen lernen. Man muss begreifen, was er wollte, was er anstrebte. Und für mich gehört seine Malerei und seine Architektur zusammen. Vieles an ihm war Metapher. Sein Name, sein Schiff, und auch seine Kleidung, allem voran sein Hut, der für die Kuppel steht und nicht weiter bedeuten sollte als: Jeder Mensch, bzw. Mieter hat das Recht wie ein König zu wohnen. Man kann das auf die Kuppelbauten und Schlösser beziehen, in denen nur die Obrigkeiten wohnten, nicht aber der Untertan. Hundertwasser, eigentlich Stowasser, wurde am 15. 12. 19 28 in Wien geboren. Sein Vater, Ingenieur, starb kurz nach seiner Geburt nach einer Blinddarmoperation. Seine Mutter war Bankangestellte. So war er oft alleine und schon mit fünf Jahren fing er an zu zeichnen. Später besuchte er die antiautoritäre Montessori- Schule, die er aber nach einem Jahr wieder verlassen musste, da sie doch relativ teuer war. Er musste eine der üblichen Schulen besuchen. Später war er unter anderem von Klee, Klimt und Schiele beeinflusst. 1958 verliest er das " Verschimmelungsmanifest" und richtete sich damit gegen den Rationalismus in der Architektur. Er trägt zwei verschiedene Socken, um damit die Individualität und Asymmetrie des Menschen zu zeigen. Wobei ich letzteres, nämlich die Asymmetrie nicht nachempfinden kann. Auch nicht anatomisch. 19 59 gründet er zusammen mit Ernst Fuchs und Arnulf Tainer eine universelle Akademie aller kreativen Richtungen. Als er 19 61 Japan besucht, hatte er grosse Erfolge. Nur 4 Jahre sollte seine Ehe mit Yuko Ikewada dauern, die er in Japan kennenlernte.
"Baummieter" nannte er Bäume, die aus den Fenstern seiner Häuser wachsen sollten. Diese "Baummieter" sollten nicht nur ein Recht haben, sondern auch natürlich Miete zahlen, indem sie für den Menschen bzw. ja Mieter nützliche Dinge vollbringen, wie etwa Schatten spenden, Sauerstoff produzieren und Vögeln einen Unterschlupf bieten.Darum : " BaumMIETER" Er schuf das "Fensterrecht" und prägte das Wort" Fensterdiktatur". Häuser bestehen nicht aus Mauern, sagte er, sondern aus Fenstern. " Fenster müssen tanzen können..." Fenster in Reih und Glied waren für ihn traurig und strahlten eine Apartheid aus. Er aber wollte keine Fensterdiktatur, sondern Individualität. Individualität für jeden einzelnen Menschen. Hundertwasser entwarf aber auch Briefmarken, Flaggen, ja sogar Autokennzeichen. Bis jetzt gibt es 17 realisierte Hundertwasser- Projekte. Vielleicht bin ich aber da auch nicht auf dem neuesten Stand. Möglich, dass in den neuen Bundesländern auch schon Gebäude nach seinen Ideen entstanden. !7 Gebäude. Darunter auch eine Kindertagesstätte, eine Station für Onkologie in Graz, eine Kirche, ein Museum in Österreich, ein Getreidesilo, zwei Fabriken, ein Autobahnrasthaus in Bad Fischau, ein Fernwärmewerk, eine Hotel- und Thermenanlage und natürlich Wohnhäuser. So wie es einen Einsteinturm gibt, so gibt es ein HundertwasserHaus.Und zwar in Wien. Seine Segelfahrt 19 68 mit der " Regentag" wurde Stoff des Filmes von P. Schamoni: " Hundertwasser-Regentag"
Als 19 85 die Zusammenarbeit mit dem Architekten Peter Pelikan beginnt, arbeitet er das ganze Jahr auf der Baustelle des Hundertwasser-Hauses. 70 000 Besucher kommen am " Tag der offenen Tür".
1988 leitet Hundertwasser einen Kurs über naturgerechte Architektur an der Sommerakademie in Salzburg. Aber nicht nur Säulen und Keramik, sogar der Boden war ausschlaggebend. So meinte er, dass ein belebter, unebener Boden eine Wiedergewinnung der Menschenwürde bedeuten würde. Im unebenen Boden sah er eine Art Symphonie. Ein Lied der Füsse. "Verlernt der Mensch aber zu erleben, zu spüren, wird er seelisch krank." Hatte er da so Unrecht? Ich denke nein. Ob unebener Boden ja oder nein, aber der Kerngedanke ist sicher richtig. "Das Nervensystem der Augen nimmt die unendlichen vielen geraden Linien als akute Gefahr wahr." So Hundertwasser.19 90 sagte er: " Es gibt keine Mißstände der Natur, es gibt nur Mißstände des Menschen." Hiermit erklärt er den immer fatalen Eingriff des Menschen in die Natur. Egal ob die Bachregulierung, der Fluss oder der Sumpf. Es scheint er hat einfach über alles nachgedacht.Hundertwasser also auch ein Philosoph, und zwar einer, der mir behagt, denn er dachte unabhängig, ohne Worte nachzukauen.
Man kann ihn mögen, ihn nicht mögen, aber man lernt auf jeden Fall etwas hinzu, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Alles in einem kann man sagen, dass er etwas verändern wollte, was ihn tief im Inneren entgegensprang, und was er verabscheute. Nämlich das Massendenken.
"Jeder Regentropfen ist ein Kuss vom Himmel."
Hundertwasser, gestorben am 19.02.2000
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