
Alles kommt anders
Der Sommer lag über den Wiesen. Überall blühten Blumen in ihren schönsten Farben. Wilde Kamille wuchs an den Wegesrändern und es blühte der Mohn in seiner rötlichen Farbe. Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüte. Zitronenfalter, Pfauenaugen und auch Libellen, die vom kleinen Tümpel kamen. Marienkäfer labten sich an den Blattläusen der Pflanzen. Die Kirschen reiften schon. Und schon waren auch die ersten grünen Kastanien zu sehen, die noch klein, grün und verletzlich mehr Kraft sammeln mussten, um ihre Stachelkleider zu bilden. Ein riesiges Sonnenblumenfeld erstreckte sich von der einen Seite des Feldweges dahin. Man konnte sie kaufen- die Bauern vertrauten auf die Menschen hier im Dorf und steckten eine alte Blechbüchse auf einen kleinen Pfahl. Drei Mark für eine wunderschöne Sonnenblume. Wie üppig ihre gelben, lachenden Blütenstrahlen und wie anmutig ihre braune Saat in der Mitte. Die meisten allerdings waren schon leer gefressen von den Vögeln.
Bienen summten herum und flogen ihre Signale für die anderen, sobald sie eine Stelle fanden, die ihnen etwas versprach.
Ein Frosch hatte sich auf den Weg verirrt vom kleinen Tümpel hinter der Wiese. Er sass einfach nur da und ein kleiner, sanfter Schubs liess ihn sich zuerst nur etwas aufblähen. Doch dann entsann er sich und machte sich davon. Besser war es so, denn leicht würde er sonst von Fahrrädern überfahren. Ameisen liefen emsig hin und her und auf den Blüten der Disteln tummelten sich verschiedene andere kleine Insekten.
Die Bäume lagen friedlich im Tag und ab und an konnte man den Kuckuck hören. Unter einer alten Eiche lag eine Bussardfeder.
Mina hob sie auf. Manchmal hatte sie solch ein Glück. Für sie war es ein Geschenk der Natur. Einmal kaufte sie ein altes Buch und darin fand sie gepressten Edelweiss. Manchmal auch alte, vergessene Briefe.
Doch am liebsten waren ihr diese alten Bücher. Eines stammte schätzungsweise aus dem Jahre 1887.“ Neuer Sekretär für Geschäftsleute“. Sie faszinierte diese alte Schrift; aber mehr noch seine Geschichte und diese alte Sprache und Umgangsform der Briefe darin. Doch dieses Edelweiss war etwas besonderes, denn es gab beinah keines mehr. Also musste es wahrscheinlich schon sehr alt sein.
Mina lief den alten Feldweg, umzäunt mit Pappelbäumen, entlang, liess ihre Blicke immer wieder hin und her wandern durch die Schönheit des Sommers. Die Luft hatte etwas Besonderes. Sie duftete nach Glück und Zufriedenheit. Schwalben flogen über ihrem Kopf und sie hörte diese typischen kleinen Schreie von ihnen. Sie beobachtete sie lange, blieb lange stehen und sah wie sie flogen durch die Lüfte, sich dabei drehten wie kleine Akrobaten.
Nur ein paar kleine Wölkchen waren zu sehen. Liebliche und zarte kleine Sommerwölkchen, die beinah still standen. Eine sah aus wie ein kleiner Walfisch, eine andere wie ein Gesicht einer alten Frau, eine andere wiederum sah aus wie ein Berg. Eine Wolkengeschichte könnte man daraus machen. Da oben schien alles so friedlich, strahlte so viel Ruhe aus. Ein Meer der Ruhe lag über ihrem Kopf. Ein Meer der Ruhe war für sie die Natur. Immer, wenn sie in ihr war, sie innerlich begrüsste, dann empfand sie Glück. Oft sass sie unter einem alten Kastanienbaum mitten auf einer Wiese. Schloss die Augen und versank ganz in sich. Wenn sie wieder erwachte sah sie nach oben in die Baumkrone, hindurch der Äste. Sah wie das Herz des Baumes verwachsen war mit Himmel und Erde, spürte seine Wurzeln und streichelte sanft seine Rinde.
Sie spürte, dass ihr der Hals leicht schmerzte vom Himmelschauen. Mina wollte noch weiter nach dem Maisfeld schauen. Er musste nun bald blühen und bald dann konnte sie wieder einen kleinen Maiskolben ernten. Einen, der noch ganz zart und weich war. Der schmeckte ihr am besten. Die grossen mochte sie nicht so sehr. Und später wurden sie oft etwas bitter, wenn sie ganz ausgereift waren. Bis zum Maisfeld war es noch eine gute viertel Stunde und sie musste vorbei am Wald.Sie liebte diese Stelle. Wenn die Sonnenstrahlen sich durch die alten Kiefern und Tannen ihren Weg bahnten- dann erschien oft noch einmal ein besonderer Zauber des Waldes.
Der Wald hatte einen eigenen Duft und manchmal hatte sie das Glück Tierspuren am Rand zu finden. Besonders, wenn es vorher geregnet hatte und der Boden des Weges noch feucht war. Reh- und Fuchsspuren waren dabei die häufigsten. Etwas weiter im Wald war eine kleine Kuhle in der sich Wildschweine das Leben erleichterten. Einmal glaubte sie eine Wolfsspur gefunden zu haben. Aber beim genaueren Hinsehen musste sie erkennen, dass die Krallenabdrücke fehlten. Ein Wolf kann seine Krallen nicht einziehen, wie andere Tiere.
Aber es wäre auch zu schön gewesen in dieser Gegend und in diesem Wald würde sich das wohl doch nicht erfüllen. Nicht mehr, dachte Mina, denn früher gab es beinah überall Wölfe. Vielleicht irgendwann, dachte sie. Vielleicht kommen sie ja im nächsten Herbst. Doch eigentlich wusste sie, war es zwecklos.
Und im Herbst da duftete das Laub des Mischwaldes so wunderbar. Wenn dann der leichte Wind über ihre Wangen strich; dann wusste sie bald würde auch wieder Schnee fallen und den Wald und die Felder in eine grosse , friedliche Landschaft verwandeln. Wenn der Tau am Spinnennetz erfriert und Eisblumen an die Fenster malt. Wenn der kleine Tümpel zufror und die meisten Tiere friedlich ihren Winterschlaf abhielten. Stundenlang war sie dann unterwegs. Lief durch den Schnee, der unter ihren Schuhen knirschte. Lief zum kleinen Bach, der an einer Stelle über einen kleinen Bergabhang fiel und sich nun daran Eiszapfen gebildet hatten. Mina hatte es dann auch leichter nach den Spuren der Tiere zu sehen und besonders gefielen ihr die Bilder unter den Bäumen, wenn der Schnee von den Tannen rutschte und so kleine Löcher in die Schneedecke malte.
Doch jetzt war Sommer. Es war warm und wollig und sie hatte das Maisfeld erreicht. Ein wenig konnte sie die Blüten schon erkennen. Bald wurde es Zeit wieder hierher zu kommen. Sie entschloss sich noch in den Park zu laufen hinunter zum Dorf. Manchmal sass der alte Ottmar da. Immer sass er allein da und starrte vor sich hin. Seine Augen hatten seinen Glanz schon verloren und seine Haut hatte überall tiefe Furchen. Früher arbeitete er viel auf dem Feld, bevor er sich entschloss noch Medizin zu studieren. Wenn er davon erzählte, lachte er oft.
„ Vom Feld zum Skalpell, Mina, kannst du dir das vorstellen?Ich hatte doch so grosse, rauhe Hände und keine Chirurgenhände. Naja, aber der Blume hatte es gefallen. “ Blume, so nannte er seine Frau. Eigentlich hiess sie Mina, so wie sie selbst. Als sie Ottmar das erste Mal sah, war es Winter. Die Bänke des Parkes waren alle verschneit, waren zugeschneit und überzogen mit einer dünnen Eisschicht. Alles war friedlich und Mina genoss diesen Frieden, bis sie auf einer der Bänke Ottmar sitzen sah. Sie erschrak sich und lief zu ihm hin, frug ihn, warum er da sass mitten in der Kälte und ob es ihm gut ginge? Er sah ganz durchfroren aus, sein Blick war leer und eine Träne lief über seine Wange. Zuerst sagte er nichts. Antwortete nicht, sass nur da. Mina konnte nicht sehen, dass er zitterte obwohl seine Lippen schon blau waren.
„ Bitte sagen sie doch etwas.“
Stille... Doch dann: „ Geh nach Hause, mein Kind.Es ist kalt und bald wird es wieder schneien. Geh nach Hause. Es geht mir gut.“
Mina dachte nicht daran nach Hause zu gehen. Nicht ohne, dass er sich von der Bank bewegte.
„ Ich werde erst gehen, wenn sie aufgestanden sind.“ Und setzte sich ebenfalls auf die Bank.
Mina nahm allen Mut zusammen:
„ Bitte, bitte stehen Sie auf, sonst erfrieren Sie hier und bald wird es auch dunkel werden.Warum wollen Sie unbedingt hier frieren und nicht aufstehen? “
Mina liess sein Gesicht nicht aus den Augen.
„ Ich heisse Mina und Sie?“
Da füllten sich seine Augen mit Tränen.
„ Mina? Du heisst wirklich Mina, hm? Aber Mina ist tot, weißt du. Blume ist tot. Und wenn jemand tot ist, den man über alles geliebt hat, wenn eine Blume stirbt, dann erfriert auch der, der sie geliebt hat, weißt Du. Darum sitze ich hier.Ich will zu meiner Mina.Für was bin ich denn viele Jahre Arzt gewesen, wenn ich ihr nicht helfen konnte? Ich habe versagt.Das Auto hatte mehr Macht als ich.“
Er sah nach unten.
„ Ihre Lippen sind schon blau. Wollen wir nicht ein wenig gehen oder einen heissen Tee trinken? Mina würde sich sicher nicht wünschen, dass Sie hier erfrieren. Sie will Sie im Sommer wieder über Blumenwiesen gehen sehen durch den Park und will dass Sie leben.“
„ Woher möchtest Du das denn wissen?“
„ Ich weiss es- ich weiss es, weil es mir einmal jemand gesagt hat.“
Er sagte wieder nichts, blieb stumm. Erst nach einer langen Zeit, Mina fror sehr, begann er sich aufzurichten. Er war etwas grösser als sie. Sein Haar war licht. Doch war er sicher früher einmal ein gut aussehender Mann.
„ Ich will nicht dass Du hier erfrierst.Darum stehe ich nun auf.“
Mina war beinah selbst erfroren und jede Bewegung tat erst einmal etwas weh. Auf der Bank waren im Schnee ihre Abdrücke zu sehen. Zwei Menschen, die hier einmal sassen. Und bald werden diese Abdrücke nicht mehr zu sehen sein.
An diesem Tag liefen sie zweimal durch den Park. Ottmar sagte wenig und Mina konnte ihn nicht einfach so alleine lassen. Sie wollte, dass er nach Hause ging.
Er merkte, dass sie nicht eher nachgab. Und als die Nacht hereinbrach konnte er es nicht mehr ertragen, dass Mina so fror und versprach ihr nun zu Hause als erstes einen warmen Tee zu trinken und ein heisses Salzfussbad zu nehmen.
Morgen, so sagte Mina, würde sie wieder im Park sein.
Mina selbst hatte sich aber furchtbar erkältet und musste die nächsten Tage im Bett verbringen. Erst als es ihr wieder besser ging, lief sie wieder zum Park. Drei Tage lang hatte sie Sorge, denn Ottmar entdeckte sie nirgends. Doch dann sah sie ihn. Sie wollte gerade umkehren, als er um die Ecke bog zum Eingang des Parkes.
„ Mina, Mina, sagte er. Ich hatte Sorge. Wo warst Du denn? Ich bin ein alter Esel und hoffe Du vergibst mir. Du hattest recht, meine Blume wartet auf mich. Aber noch ist es zu früh.“
Mina fiel ein Stein vom Herzen.
„ Ich war krank. Konnte nicht kommen. Es war sehr kalt an jenem Tag.“
„ Ja, Mina, das war es. Aber bald kommt der Frühling und ich werde für meine Blume einen Baum pflanzen im Garten. Sie wollte immer ein kleines Pfirsichbäumchen, weißt du.
Und geht es Dir nun besser? Es tut mir ja so leid, Mina.“
Mina hatte zwar noch etwas Husten, aber ansonsten ging es ihr recht gut.
„ Ja, danke, geht mir gut.“
„ Ach Mina, ich bin der Ottmar. Der alte Esel hatte ein Einsehen und du hast mir dabei geholfen. Darum werde ich nicht nur ein Bäumchen pflanzen, sondern zwei. Welches Bäumchen magst du? Welches, Mina?“
Mina überlegte.
„ Einen Kastanienbaum, Ottmar. Ja, eine kleine Kastanie wäre schön.“
„ So sei es. Mina, es wird Dein Baum sein. Er wird für Dich wachsen.“
Mina war sichtlich gerührt. Wie alt mag Ottmar sein, dachte sie. Vielleicht Ende 60? Hm, er könnte durchaus auch jünger sein.
Der Kastanienbaum und das Pfirsichbäumchen wuchsen heran. Mina besuchte Ottmar hin und wieder. Er hatte sich auch einen kleinen Hund aus dem Tierheim geholt und war so nicht mehr alleine. Der Rüde hatte schon seinen Namen und hiess Babo. Er musste schon viel Schlimmes erlebt haben und war nicht gerade einfach im Umgang, doch Ottmar wusste wie er reagieren musste. Und beide waren sie nicht mehr jung. Auch Babo hatte schon viele Jahre auf dem Buckel. Auf einem Auge war er beinah schon blind und manchmal schlief er sehr viel.
All das machte Ottmar nichts aus. Er gewöhnte sich an seinen alten Freund und liebte ihn über alles. Verwöhnte ihn und sprach sehr oft mit ihm, wie mit einem alten Bekannten.
Manchmal trafen sie sich alle drei auch im Park. Und setzten sich auf jene Bank und dann waren sie einfach alle nur still und dankbar.
Und es war wieder Sommer und Mina lief über die Wiesen, lief zum Wald und zum Maisfeld. Und dann kam der Herbst und der Duft der Blätter und nach dem Herbst kam der Winter mit den Schneegemälden und den Parkbänken voller weisser Wunder.
Eines Tages- sie wollte hinüber zum alten Ottmar und übersah das Auto. Die Strassen waren glatt. Sie lag lange da. Ihre Lippen wurden blau.
Alles ringsum verschwamm. Irgendwo schien jemand zu weinen.
Als Mina nach oben sah, sah sie bunte Blumenwiesen, weisse, leichte Wolken und wusste, dass sie nie wieder ihren alten geliebten Feldweg entlang laufen würde und noch einmal sah sie Ottmar, bevor sie ging.
2003